Sicko

Nach US-Waffenwahnsinn und der Generalattacke auf George W. Bush nimmt sich Michael Moore mit „Sicko“ jetzt das amerikanische Gesundheitssystem vor: die Profitgier der zahlungsunwilligen Versicherungen und die Tatsache, dass 50 Millionen Amerikaner erst gar keine Krankenversicherung haben. Die Mischung aus Betroffenheitspathos, unterhaltsamer Polemik und sarkastischer Bissigkeit ist bekannt. Doch trotz einer gewissen Moore-Müdigkeit und der Kritik an seinen angeblich unsauberen Recherchen funktioniert das Prinzip des satirisch propagandistischen Doku-Entertainers für die gute Sache auch bei „Sicko“ noch immer gut.

Webseite: www.senator.de

USA 2007
Regie: Michael Moore
113 Minuten, Farbe
Verleih: Senator
Kinostart: 11.10.2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Michael Moore bohrt immer am liebsten dort, wo es den USA ohnehin am stärksten weh tut. Mit „Bowling for Columbine“ etwa nahm er die fatale Waffenvernarrtheit der Amerikaner aufs Korn und startete zuletzt mit „Fahrenheit 9/11“ eine mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten Generalattacke auf seinen Lieblingsfeind George W. Bush.

Mit „Sicko“ stürzt er sich jetzt als nächstes mit voller polemischer Wucht auf das kranke amerikanische Gesundheitssystem. Dabei geht es ihm einerseits natürlich um die 50 Millionen Amerikaner, die gar keine Krankenversicherung haben und von den Krankenhäusern bei Zahlungsunfähigkeit einfach auf der Straße abgesetzt werden. Vor allem aber klagt er die Pharma-Industrie-hörigen Politiker und die Profitgier der Versicherungen an, die sich bei ihrem teils skandalösem Vorgehen aus den Zahlungsverpflichtungen auf Kosten der Patientengesundheit offenbar nur allzu gern herauswinden.

Diverse Einzelfälle und Horrorgeschichten führt Moore dafür vor – wie den eines krebskranken Ehepaares, das durch die Behandlung völlig bankrott in ein Zimmer im Haus der Tochter einziehen muss. Manche Geschichten hingegen fallen ihm sogar regelrecht zu: Als die Frau einer seiner größten Gegner, Jim Kenefick, an Krebs erkrankte, musste sich der entscheiden: entweder die Website www.moorewatch.com aufrechterhalten oder das Geld für die Behandlung seiner Frau ausgeben. Moore spendete anonym und sein inniger Feind dankte herzlich dem unbekannten Schutzengel. 

“We’re Americans. We go into other countries when we need to. It’s tricky, but it works”, sagt der Regisseur an einer Stelle nicht nur in Anspielung auf den Irak-Krieg. Moore kontrastiert vielmehr die katastrophalen US-Verhältnisse auf plakativ komische mit der kanadischen, britischen und französischen Grundversorgung, die viele Amerikaner als „kommunistische“ Idee fürchten.

Sicher ist heftige Kritik an seinen nachlässigen Recherchemethoden laut geworden und die Omnipräsenz des dicken Dokumentarfilmers im Kino, in den Zeitungen und nicht zuletzt dessen Büchern hat zu einer gewissen Moore-Müdigkeit geführt. Schon bevor „Sicko“ in Cannes außer Konkurrenz gezeigt wurde, wurde daher gemutmaßt, dass das Moore-Prinzip der sarkastischen Doku-Agit-Prop ausgedient hat. Die Diagnose fällt für Moore aber auch diesmal recht positiv aus.

Denn selbst wenn man seine plakativen und polemischen Vorgehensweisen durchschaut, die pathetischen Tränenmanipulationen erkennt und sich der Vergröberungen bewusst ist, insbesondere wenn er die Gesundheitssysteme Frankreichs und Englands in unkritischer Überzeichnung in den Himmel hebt: Moore ist auch hier immer noch ein verdammt pointierter Erzähler, ein Entertainer, dessen Filme die Zuschauer schneller am Haken haben, als sie „Krankenkasse“ sagen können.

Den aufmerksamkeitswirksamen Höhepunkt findet Moore diesmal mit dem Boot voller chronisch kranker „Helden“ der 11.-September-Aufräumarbeiten auf dem Weg nach Kuba, genauer gesagt nach Guantánamo. Dort sollen angeblich die vermeintlichen, inhaftierten Terroristen eine exzellente medizinische Rundumversorgung erhalten, von der Moores World-Trade-Center-Veteranen nur träumen können. Guantánamo-Bay können sie sich zwar nur auf wenige Kilometer nähern. Doch anschließend werden die Amerikaner umsonst auf hohem medizinischem Niveau in einem kubanischen Krankenhaus in Havanna versorgt. Der satirische Propagandist Moore zielt dahin, wo es auch der sehr patriotischen amerikanischen Seele weh tut – und trifft auch mit „Sicko“ ganz empfindlich.

Sascha Rettig