Sie nannten ihn Spencer

Die merkwürdig irritierende Dokumentation hat viele Facetten: Sie wirkt manchmal drollig in ihrer Verbindung von Scripted Reality und seriöser Interviewtechnik, dabei ist sie akribisch recherchiert und ausgestattet mit einer Fülle von Originalmaterial und Filmausschnitten. Erzählt wird die Geschichte von zwei Fans auf der Suche nach Carlo Pedersoli, den die meisten als Bud Spencer kennen. Die beiden machen sich auf die Reise, um ihn zu finden, und treffen dabei viele Weggefährten – auch Terence Hill ist dabei. Vermutlich werden sämtliche Bud Spencer-Fans diesen Film lieben. Denn eines ist die Doku ganz sicher: eine liebevolle Hommage an den 2016 verstorbenen Schauspieler und Lebenskünstler.

Webseite: www.budspencermovie.com

Dokumentarfilm
Deutschland 2017
Regie: Karl-Martin Pold
Drehbuch: Karl-Martin Pold, Michael Gizicki
Mit Bud Spencer, Terence Hill, Marcus Zölch, Jorgo Papasoglou u.a.
Länge: 122 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 27. Juli 2017

FILMKRITIK:

Mehr als 8 Jahre hat Karl-Martin Pold an seinem Filmprojekt gearbeitet. Was als Diplomarbeit des gelernten Journalisten und Filmwissenschaftlers begann, wurde schließlich zu seinem Kinodebüt: ein Dokumentarfilm mit einem Road Movie als Rahmenhandlung. Markus Zölch und Jorgo Papasoglou heißen die beiden Helden, die äußerlich ein klein wenig an Bud Spencer und Terence Hill erinnern. Zunächst geht es dokusoapmäßig um das Schicksal der beiden Protagonisten, die – übrigens vollkommen ironiefrei – davon berichten, wie sie ihre schicksalhaften Jugenderfahrungen dank Bud Spencer überwinden konnten. Markus Zölch wäre nach einem Unfall beinahe querschnittsgelähmt geblieben, er fand mit Bud Spencer das Lachen wieder und damit seinen Lebenswillen. Er lernte wieder zu laufen und ist heute einer der größten Bud-Spencer-Fans mit einer riesigen Sammlung. Der Berliner Jorgo Papasoglou ist von Geburt an blind und ebenfalls ein begeisterter Fan. Ebenso wie für Markus ist auch für Jorgo die Warmherzigkeit wichtig, die Bud Spencer ausstrahlt. Diese beiden Fans mit ihrem persönlichen Hintergrund sind die Hauptfiguren. Um sie herum hat Karl-Martin Pold eine Handlung gestrickt, die mal mehr, mal weniger gut funktioniert. Jorgo und Markus lernen sich offenbar keineswegs zufällig, sondern auf sehr merkwürdig inszenierte Art in Berlin kennen und beschließen, gemeinsam Bud Spencer zu suchen. Markus hat in seiner Heimatstadt Augsburg eine Bud Spencer-Marionette bauen lassen – ja, tatsächlich: Es war die „Augsburger Puppenkiste“ – und diese Puppe möchte er Bud Spencer schenken. Dafür reisen die beiden mit einem Kleinbus quer durch Europa, treffen viele weitere Fans sowie Schauspielkollegen, Freunde und Weggefährten des vermutlich berühmtesten Duos der Filmgeschichte. Es geht dabei, wie es scheint, beinahe mehr um Fankultur als um den Star. Ein paar Anekdoten, alte Fotos und natürlich jede Menge Filmausschnitte behandeln in lockerer chronologischer Folge das Leben des Carlo Pedersoli, der als Olympiaschwimmer für Italien startete und ein Wasserballstar war, bevor er Schauspieler und Bud Spencer wurde. Und am Ende schließt sich der Bogen – nicht ganz unerwartet. Das Ganze wird erzählt und kommentiert von Thomas Danneberg, der Filmstimme von Terence Hill, und zwar im Stil der Ulksynchronisationen von Rainer Brandt, der die Texte dafür schrieb und ebenfalls mit von der Partie ist.
 
Karl-Martin Pold hat ganz fraglos eine unglaubliche Fleißarbeit geleistet, indem er sich durch Tonnen von Material gearbeitet hat. Die eigentlich hübsche Idee, für einen Film über eine außergewöhnliche Fankultur auch die Fans mit einzubeziehen, funktioniert allerdings nur teilweise. Das liegt zum einen an der unentschlossenen, beinahe amateurhaften Inszenierung der Rahmenhandlung, die sich das Attribut „erfrischend“ verdient hätte, wenn ein wenig mehr Pep im Spiel wäre. Allein der schnoddrige Kommentar von Thomas Danneberg rettet hier so manche Situation. Denn Jorgo und Markus sind nun mal keine Schauspieler, und ihre darstellerischen Fähigkeiten sind durchaus begrenzt. Wenn die beiden Filmszenen nachspielen, dann ist das nur beim ersten Mal witzig oder wenigstens anrührend. Karl-Martin Pold hätte die Möglichkeit gehabt, dem Phänomen Bud Spencer und Terence Hill tatsächlich auf die Spur zu kommen. Tatsächlich gelten die beiden bis heute als erfolgreichstes Duo der Filmgeschichte. Es gibt unzählige Fanvereinigungen, und das, obwohl sie den letzten ihrer 18 gemeinsamen Filme vor mehr als 20 Jahren drehten. Warum er sich auf Bud Spencer/Carlo Pedersoli beschränkt hat, obwohl Terence Hill/Mario Girotti mitgewirkt hat, bleibt ein Geheimnis des Filmemachers. Ansätze dafür sind vorhanden, doch Pold kratzt immer nur an der Oberfläche und lässt seinen beiden Protagonisten mehr Raum als dem eigentlichen Thema. Und er lässt sich Zeit … sehr viel Zeit.
 
Für Fans gibt es dennoch eine Menge zu sehen: viele Ausschnitte aus den alten Kultfilmen, dazu Jugendfotos und alte Aufnahmen von Carlo Pedersoli, die ihn als knackigen Schwimmer zeigen. Auch die Interviewpartner sind interessant: von Terence Hill, der sich seinen jungenhaften Charme bewahrt hat, bis zu Luciano de Crescenco, der nicht nur ein berühmter Schriftsteller ist, sondern auch ein Jugendfreund und ehemaliger Nachbar von Carlo Pedersoli in Neapel war. Was er erzählt, ist gar nicht so weit entfernt von dem Haudrauf Bud Spencer der späteren Jahre, der mit der Doppel-Backpfeife und dem „Dampfhammer“ Filmgeschichte schrieb und dabei immer ein liebenswerter Kerl blieb.
 
Gaby Sikorski