Sieben Mulden und eine Leiche

Wenn sammelsüchtige Menschen dokumentiersüchtige Kinder haben, entsteht ein höllisches Gebräu. Die Nachlassabwicklung nach dem Tod der eigenen Mutter erlebt der Schweizer Kolumnist und Werbefilmer Thomas Haemmerli in seinem ersten Langfilm als „Horrortrip“. Haemmerli lädt den Zuschauer mit wackeliger Handkamera ins Zentrum des Geschehens, in die Wohnung der Verstorbenen. Sein distanzierter bis zynischer Ausmistungsprozess verschlägt einem den Atem, trägt aber auch sehr komische Züge.

Webseite: www.messiemother.com

CH 2007
R: Thomas Haemmerli
P: Mirjam von Arx
Verleih: Neue Visionen www.neuevisionen.de
Format: 1:1,85
L: 84 Min.
Start: 17. April

PRESSESTIMMEN:

Ein betont respektloser, ebenso erschreckender wie faszinierender Film, der am Einzelschicksal von der "Vergletscherung" einer Gesellschaft erzählt und sich mit emotionaler Distanz der Katastrophenbiografie eines "Messie" zuwendet.
film-dienst

FILMKRITIK:

Wie weit gehen Künstler für die filmische „Verarbeitung“ der eigenen Mutter? Oskar Röhler entwarf in „Die Unberührbare“ ein kunstvolles Zeitbild, ironisch, aber herzlich. Guy Madden verwies in „Brand upon the brain“ die Absonderlichkeiten und Brutalitäten seiner Mutter in surreale Schwarz-Weißwelten. Rosa von Praunheim offenbarte in „Meine Mütter“ neue sensible, zurückhaltende Seiten. Der Videokünstler Bill Viola involvierte den Sterbeprozess seiner Mutter  mit „The Passing“ in eine Parabel vom Werden und Vergehen.

Thomas Haemmerli dürfte die bislang brachialste Variante liefern. Der Großteil seiner Aufarbeitung besteht in einer vierwöchigen Entrümpelungsaktion, angefangen bei dem Leib der Mutter selbst, der erst Tage nach dem Tod aufgefunden wird und durch die Fußbodenheizung furchtbarerweise schon in der Auflösung begriffen ist. Die Filmaufnahmen setzen bei dem Spezialreinigungsteam ein, dass die Fäulnisflüssigkeiten von den Fliesen entfernen muss.

Ihren beiden Söhnen bleibt eine bis in den letzten Winkel mit Möbeln und Gerümpel vollgestopfte und von drei Katzen zerkratzte Wohnung. Eine bedrohliche Ansammlung jahrelang gehorteter und überflüssiger Gegenstände, die die Mutter – offenbar ein „Messie“ im schlimmsten Stadion – wie einen Altlasten-Wall um sich ertragen haben muss. Ihr jüngerer Sohn Erik hatte das Haus vor zehn Jahren zum letzten Mal betreten und versucht nun dem Entsetzen Herr zu werden, indem er mit seinem Bruder Tische, Stühle und Katzenkörbe zertrümmert, verbrennt oder aus dem Fenster in den unter stehenden Container – „die Mulde“ – wirft. Der reinste Exorzismus.

Anhand der schäbigen Überbleibsel besichtigt Haemmerli erstaunlich emotionslos ein „verkrachtes Leben“. Fotos aus einer wohlhabenden Kindheit, von der Hochzeitsfeier der Eltern, auf der auch Kofi Annan zugegen war, Ansichten von einem mondänen Leben in der Zürcher Gesellschaft. Der jahrelange Scheidungskrieg der Eltern wird anhand intimer Details aus den Gerichtsakten zitiert, es gab ein Ferienhaus an der Cote d‘Azur, um das es auch wieder Prozesse gab, einen langen hasserfüllten Briefwechsel der Mutter mit der Großmutter, Weltreisen, einen besessenen Einsatz für den Tierschutz, ergebnislose Heimwerkerarbeiten und weitere Peinlichkeiten. Müssen die Zuschauer das nun alles wissen? Vielleicht ist dies eher nachvollziehbar, wenn man Haemmerlis radikal materialistische Weltsicht einbezieht.

„Vater hatte einen Porsche, wir hatten Tennis- und Musikunterricht. Aber das alles nützte nichts, wenn wir uns einen Spielzeugtraktor teilen mussten“, kommentiert Haemmerli Filmaufnahmen aus seinen Kindertagen. Später bestritt er mit seinem Bruder die Rente der Mutter, Kontakt suchte er offenbar kaum noch zu ihr. „Ihre ständigen Schwierigkeiten“ wurden ihm zum „Gräuel.“

Das Motto „Es geht immer alles schief“ gilt nicht nur für das Leben seiner Mutter, sondern auch für den Verlauf der Handlung. Dabei lässt Haemmerli sich viel Zeit mit der Aufräumaktion und erst spät eine eigene Haltung durchscheinen. Wenn am Ende auch das griechische Ferienhaus, in dem die Brüder Urlaub machen wollten, vollgemüllt ist, der Urnendeckel bei der Verstreuung der Asche klemmt und Haemmerli in seinem  Büro schon Anzeichen von Sammelwut sieht, vollendet er mit Schwung die Kurve seiner Ängste und Abneigungen.

Haemmerli begreift das Ganze als „Expedition ins Universum der unendlich vielen Sachen“. Er versteht sich hier als Ethnologe und als distanzierter TV-Journalist. Die Kamera gilt ihm als Schutzschild gegen die Zumutungen der Realität. Er hält sie nah am Körper, so dass viele wackelige, schräge, zum Teil auf dem Kopf stehende Nahaufnahmen entstehen. Das Chaos der Wohnung spiegelt sich in der Filmqualität und -struktur.

Er erzählt im Presseheft, dass er bei allem Außergewöhnlichen die Kamera zückt, sogar einmal bei einer Notoperation am eigenen Ellbogen. Dass für ihn, als „militanten Atheisten“ der Tod ein radikaler ontologischer Schnitt sei und man danach einem Menschen weder Gutes noch Leidvolles antun könnte. Kann dies aber eine Erklärung sein, um die eigene Mutter einem solchen Schauprozess auszusetzen? Oder lag es an der Produzentin, die ihn überredete aus dem Filmmaterial, das ursprünglich für Privatzwecke gedreht wurde, einen Spielfilm zu machen? Oder auch an seinem Kollegen Thomas Imbach, der riet: „Haemmerli, lass die Hosen richtig runter.“

Das Haemmerli die Zurschaustellung von Betroffenheit ablehnt, führt sein fünfminütiger Vorfilm, ein „Ratgeber“ für Dokumentarfilmer, formvollendet vor. Der Hauptfilm dürfte ein krasses Beispiel für den stetig wachsenden Bekenntniszwang und Dokumentierwahn geben – und jeden Zuschauer zum Aufräumen animieren.

Dorothee Tackmann

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Es gibt offenbar eine neue Filmgattung, den Messie-Film. Dieser hier stammt aus der Schweiz. Doch Spaß beiseite.

Der Print- und TV-Journalist Thomas Haemmerli hat mit diesem Streifen so etwas wie einen Tabubruch vollzogen. Nach dem Tod der Mutter breitete er zusammen mit seinem Bruder Erik filmisch das Messie-Leben und die Messie-Wohnung der Verstorbenen aus, mit der er seit Jahren nur noch wenig Kontakt gehabt hatte. Nicht weniger als vier Wochen dauerten die Aufräumarbeiten.

Brünhilde Hortense Carola Gertraude Meurer von Infeld hatte die Mutter vor ihrer Heirat mit dem Schweizer Wirtschaftsanwalt Dr. Jörg Haemmerli geheißen. Die Ehe wurde geschieden. Daraufhin bekriegte sich das Paar 30 Jahre lang mit Prozessen. Das schöne Leben der gut situierten Familie mit Winterurlaub in St. Moritz, mit Tieren, mit Feriendomizilen in Südfrankreich und Griechenland, mit Feiern und Festen, an denen beispielsweise auch der spätere UN-Generalsekretär Kofi Anan in jungen Jahren teilgenommen hatte, war zusammengebrochen.

Vielleicht war die Mutter erblich belastet. Die Großmutter der Haemmerli-Brüder, die Mutter ihrer Mutter also, hatte sich während des letzten Krieges weidlich mit Wehrmachtsoffizieren vergnügt.

Brünhilde, genannt Bruna, war aktiv, reiste in der halben Welt herum, war sehr selbstbewusst, aber offenbar auch seelisch schwer angeschlagen.

Als sie einsam starb, wurde sie lange nicht entdeckt. Die Brüder fanden später in der Wohnung einen stark verwesten Leichnam, überall Fäulnis und einen ohne Maske nicht auszuhaltenden bestialischen Leichengeruch vor. Sie mussten, so schrecklich dies klingt, den toten Körper buchstäblich vom Fußboden kratzen. All dies wird in dem Film dokumentiert.

Die Messie-Mutter war eine Sammlerin gewesen. Alles, was überhaupt denkbar ist, hatte sie zusammengetragen: Stöße von Zeitschriften, Unmengen von Papier, Zeitungsausschnitte, Akten, Bücher, Fotos, Filme, Dekorationsstücke, Gebrauchsgegenstände, Geräte, Putzmittel, Medikamente, alles und noch viel mehr. Aus Jahrzehnten. Wohnung, Dachboden, Keller, Gartenhaus, alles voll. Wie gesagt, vier Wochen dauerten die Aufräumarbeiten.

Warum dieser Film? Er ist das Bild eines bewegten – und letztlich auch reichen – Einzellebens. Er ist symptomatisch für das Messie-Wesen, das immer mehr um sich zu greifen scheint. Er zeigt, was der Mensch für eine sonderbare Kreatur sein kann. Er ist zugleich dokumentarische Tragödie und Komödie. Er ist schamlos und pietätlos, aber auch aufschreckend und aufschlussreich. Er ist glänzend geschnitten. Er ist ständig mit vielsagenden, auch hoch anerkennenden und sarkastischen Kommentaren der Söhne versehen. Er ist letzten Endes realistisch.

Übrigens: Mit „Mulden“ (Titel) sind hier Schuttcontainer gemeint.

„Weniger um Sohnesliebe und Trauerarbeit geht es da als um das Staunen und Erschauern, was in einem Leben alles schief laufen kann.“ (Aus einem Jury-Urteil)

Thomas Engel