Silvana

Als Frau zu rappen ist nicht mehr ungewöhnlich, als arabischstämmige Schwedin, die dazu noch offen lesbisch ist, schon mehr. All das ist Silvana Imam, die in Schweden einige Bekanntheit hat. Ein Faktum, den die Regisseurinnen der Dokumentation “Silvana“ offenbar voraussetzen. Denn klassisch biographisch ist ihr Film nicht, sondern lose strukturiert, impressionistisch, eine Art filmisches Tagebuch.

Webseite: www.facebook.com/silvanamovie/

Dokumentation
Schweden 2017
Regie & Buch: Mika Gustafson, Olivia Kastebring, Christina Tsiobanelis
Länge: 90 Minuten
Verleih: Rise and Shine Cinema
Kinostart: 23. August 2018

FILMKRITIK:

Mitte 2014 begannen die drei Filmstudentinnen Mika Gustafson, Olivia Kastebring und Christina Tsiobanelis Silvana Imam zu begleiten, zu einem Zeitpunkt, als die damals 28jährige Musikerin noch vor ihrem großen Durchbruch stand. Doch das Imam Kind einer litauischen Mutter und eines syrischen Vaters ist, die mit ihren blonden Haaren und ihren schmalen Statur so gar nicht dem Klischee einer Rapperin entspricht, genau diese musikalische Ausdrucksform gewählt hat, machte sie schon früh zu einem offensichtlich interessanten Subjekt für eine Dokumentation.
 
Zusätzlich ist sie lesbisch, was in der schwedischen Gesellschaft keine Rolle spielen sollte, so zumindest das Ideal, die Verklärung des nordischen Landes zwischen IKEA und Bullerbü, das jedoch nicht (mehr) der Realität entspricht. Auch in Schweden ist ein Rechtsruck zu spüren, auch hier haben rechte Parteien Zuwachs, auch hier werden Migranten nicht mit offenen Armen empfangen.
 
Viele Themen also für eine Musikerin, gerade für eine extrovertierte wie Silvana Imam, die oft exzessiv und ungezügelt wirkt, manchmal fast manisch und unkontrolliert, zwischen extremem Selbstbewusstsein und riesigen Selbstzweifeln schwankend. Ausgesprochen anstrengend ist das filmische Portrait dann auch oft, dass das Regietrio aus offenbar hunderten Stunden Material zusammengefügt hat, das sie im Laufe von drei Jahren gedreht haben.
 
Zu Beginn erfährt Silvana gerade, dass ihr erster Hit von einem schwedischen Radiosender zum Besten des ersten Halbjahres 2014 gewählt wurde. Wie lange sie vorher schon Musik gemacht hat, erfährt man ebenso wenig wie andere Fakten, was für den unbedarften Zuschauer bedeutet, dass er direkt rein in die Welt von Silvana geworfen wird.
 
Und hier geht es reichlich chaotisch und emotional zu, vor allem in Liebesdingen. Bald verliebt sich Silvana nämlich in ihre Musikerkollegin Beatrice Eli, die sie im Backstage-Bereich kennenlernt und auf der Bühne bewundert. Bald sind die beiden ein Paar. Nein, das Paar in der schwedischen Musikszene und ein Vorbild für zahllose homosexuelle Fans, aber auch einfach für junge Mädchen. Dass die Kameras der Regisseurinnen offenbar stets anwesend waren, verleiht „Silvana“ das Gefühl, ein ungeschminktes, fast schon voyeuristisches einer jungen Frau zu zeigen, die zu einer Generation gehört, die sich am liebsten ständig selbst mit der Handykamera filmt und fotografiert und die ganze Welt via der sozialen Medien an ihrer Befindlichkeit teilhaben lässt.
 
Was bei Silvana auch einen nicht weiter spezifizierten Zusammenbruch beinhaltet, der sie bei einer Preisverleihung aus der Bahn warf. Doch auch über dieses offenbar einschneidende Ereignis rauschen die Regisseurinnen hinweg, die sich nicht um Kohärenz bemühen. Lose ziehen sich Themen wie Silvanas Feminismus, ihr Kampf gegen den zunehmenden Rassismus, für die Gleichberechtigung von Frauen und Migranten durch den Film, doch auf den Punkt gebracht wird kaum etwas. Stattdessen ist „Silvana“ ein loses, impressionistisches Porträt, in dem immer wieder deutlich wird, welche musikalische Kraft Silvana bei ihren Auftritten entwickelt, wie sehr sie für viele Menschen in Schweden zum Vorbild und Idol geworden ist, aber auch, was für eine zerrissene, schwierige Person sie ist.
 
Michael Meyns