Simon

Mit „Simon“ gelingt der schwedischen Regisseurin Lisa Ohlin stilsicher ein facettenreiches Familienepos über Verstrickungen, Schuld und die langen Schatten der Vergangenheit. Der fast werkgetreu verfilmte Weltbestseller der schwedischen Autorin Marianne Frederiksen verliert auch auf der Leinwand nichts von seiner emotionalen Eindringlichkeit. Seine stille Spannung wirkt stärker, als mancher vor Action strotzende Thriller. Neben einem brillanten Jan Josef Liefers überzeugt vor allem der schwedische Shootingstar Bill Skarsgård als Heranwachsender, dessen Leben durch verdrängte Familiengeheimnisse ins Wanken gerät.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

OT: Simon och Ekarna
Schweden, Dänemark , Norwegen , Deutschland 2011
Regie: Lisa Ohlin
Darsteller: Bill Skarsgård, Jonatan S. Wächter, Helen Sjöholm, Stefan Gödeke, Jan Josef Liefers, Karl Linnertorp, Katharina Schüttler, Stefan Gödeke, Hermann Beyer
Drehbuch: Marnie Blok
Länge: 121 Minuten
Verleih: Farbfilmverleih, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 28. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Südschweden am Vorabend des 2. Weltkriegs. An der Küste vor Göteborg scheint die Welt auf den ersten Blick noch in Ordnung. Der kleine Simon (Jonatan S. Wächter) sitzt in der Baumkrone einer alten Eiche und liest. Dort fühlt sich der Bücherwurm am wohlsten. Sein Vater Erik, ein einfacher Handwerker, hat dafür kein Verständnis. Mutter Karin (Helen Sjöholm) dagegen verteidigt Simons Anderssein gegenüber dem enttäuschten Vater. Dank ihrer Hilfe darf der wissbegierige Junge schließlich auf die höhere Schule in der Stadt. Als er sich dort mit Isak anfreundet, dem Sohn des Buchhändlers Ruben Lentov (Jan Josef Liefers) lernt er eine andere Seite des Lebens kennen.

Isak ist Jude. Mißhandelt von den Nazis konnte seine Familie noch rechtzeitig aus Berlin ins neutrale Schweden flüchten. Beim Einmarsch der Deutschen weigert sich Isak (Karl Linnertorp) weiter die Schule zu besuchen. Simons Eltern nehmen den traumatisierten Jungen bei sich auf. Über Jahrzehnte hinweg beginnen die Schicksale der beiden Familien sich zu verflechten. Zwischen Simon und seinem Vater häufen sich die Konflikte. Der Jugendliche (Bill Skarsgård) distanziert sich zusehends. Von Isaks Vater Ruben dagegen fühlt er sich verstanden. Als Simon dann erfährt, was seine Eltern jahrelang vor ihm verheimlichen mussten, um ihn zu schützen, droht die Familie zu zerbrechen.

Auf mehreren Zeitebenen erzählt die schwedische Regisseurin Lena Ohlin stilsicher eine komplexe Geschichte um Herkunft, Identität, die Last von notwendigen Lügen und tragischen Familiengeheimnissen. Dabei zeigt ihre geglückte Literaturverfilmung hellsichtig, wie sehr das Private mit dem Politischen verflochten ist. Verstrickungen ausgelöst durch Antisemitismus und Rassenhass verursachen traumatische Wunden noch nach Generationen. Der Weltbestseller der schwedischen Autorin Marianne Frederiksen bewegt auch auf der Leinwand mit seiner emotionalen Eindringlichkeit. Seine stille Spannung wirkt stärker, als mancher vor Action strotzende Thriller.

„Der Grund, warum ich mich dem Stoff so verbunden fühle“, verrät Lena Ohlin, „ist auch ein persönlicher“. Die Familie ihrer Mutter floh 1939 aus Berlin nach New York. „Meine Mutter hatte Schuldgefühle, weil sie überlebt hatte“, sagt die 52jährige, „aber darüber wurde in der Familie nicht gesprochen“. Kein Wunder, dass sie für ihre nuancierte Zeitchronik zu einer eigenen Filmsprache findet. Schlichtweg brillant ist aber auch die schauspielerische Leistung von Jan Josef Liefers. Nicht umsonst erhielt der Dresdner Charakterdarsteller dafür bereits den bekanntesten schwedischen Filmpreis Goldbugge. Der bekannte Tatort-Schauspieler, lernte eigens für die Rolle Schwedisch.

Neben ihm überzeugt vor allem der schwedische Shootingstar Bill Skarsgård, der im Mittelpunkt der anrührenden Familiensaga steht. Der 21jährige, der demnächst neben Megastar Keira Knightley in „Anna Karenina“ zu sehen sein wird, stammt aus einer erfolgreichen Schauspielfamilie. „Ich bin an Filmsets aufgewachsen“, sagt er. „Ich glaube, das hat mir geholfen, heute vor der Kamera selbstbewusst und entspannt zu sein.“ Fast alle Szenen sind freilich mit getragen von der Stimmung der Musik von Komponistin Annette Focks. Sie gibt das Tempo und den Rhythmus vor. Einzig zu Beginn wirkt ihr Score etwas zu pathetisch.

Durch seinen ästhetischen Sinn für Farben, Licht und Bewegung entlockt der dänische Kameramann Dan Lausten, der eigentlich aus dem Horror- und Thriller-Genre kommt, der skandinavischen Landschaft Bilder mit malerischer Intensität. Seine ruhige, fast statische Kameraführung lenkt den Blick liebevoll auf jedes Detail und macht damit selbst die kleinste Geste in diesem komplexen Gefühlskino zum Ereignis.

Luitgard Koch

Simon Larsson, ein etwa sechs-, siebenjähriger Junge, lebt mit seinen Eltern unweit von Göteborg. Die Mutter Karin ist eine herzensgute, ihren Sohn liebende Frau, der Vater Erik, ein Arbeiter, ein seines verhältnismäßig niedrigen gesellschaftlichen Standes bewusster, harter und intoleranter Mann, der unbedingt will, dass Simon ihm nachschlägt. Doch der ist eher träumerisch veranlagt, liest viel, fühlt sich zur klassischen Musik hingezogen.

Simon kommt in die Schule. Er freundet sich an mit Isak Lentov, einem jüdischen Jungen aus gutem Hause. Isak wird wegen seines Judentums von einigen Mitschülern gemobbt. Denn es ist das Jahr 1939. Der vor allem deutsche Antisemitismus beherrscht leider halb Europa, zum Teil auch das neutrale Schweden.

Isaks Mutter ist psychisch angeschlagen und befindet sich auf Kur. Der Vater Ruben verbindet sich mehr und mehr mit der Familie Larsson, die Isak aufgenommen hat. Rubens Schwäche für Karin ist unübersehbar.

Isaks Leben verläuft einigermaßen normal: Erwachsenwerden, Verliebtsein, Heirat, ein Kind.

Dramatischer sind Simons Zeiten. Die geistige Unvereinbarkeit mit der eigenen Familie, insbesondere mit dem Vater, wird oft offensichtlich. Es stellt sich heraus, dass Simon als Säugling von seiner Mutter Inga zur Adoption an die Larssons freigegeben wurde. Sein Vater war ein deutscher Jude. Deshalb die Angst, dass dem inzwischen zum jungen Mann herangereiften Simon wegen seines Halbjudentums etwas passieren könnte. Denn die Deutschen halten halb Skandinavien besetzt. Es ist eine von Unsicherheit durchwirkte Epoche.

Simon macht sich nach Kriegsende mit Ruben Lentov auf nach Berlin, um seinen Vater zu suchen.

Eine episch breit angelegte, zuweilen etwas zähe und filmisch nicht immer optimal montierte, jedoch zeitnahe und zeittypische Zwei-Stunden-Romanverfilmung. Menschen, deren Leben sogar noch aus relativer Distanz zur unseligen Nazi-Herrschaft aus den Bahnen zu geraten drohte. Von Interesse auch durch die realistische Milieuschilderung sowie durch eine überdurchschnittliche Kameraarbeit.

Bill Skarsgard ist ein überzeugender Simon. Jan Josef Liefers (Ruben) liefert wie meist seine Rolle perfekt ab. Helen Sjöholm ist die mütterliche Karin. Auch Katharina Schüttler ist in einer kleinen Rolle dabei.

Thomas Engel