Simpel

Ein berührendes Roadmovie-Drama mit Frederick Lau und David Kross als zwei ungleiche Brüder, frei nach dem Buch der Französin Marie-Aude Murail. Weil der eine behindert ist und ins Heim soll, nehmen sie Reißaus und begeben sich auf einen Roadtrip ins große Abenteuer des Lebens. Mit stimmungsvollen Bildern hat Regisseur Markus Goller ("Friendship", "Frau Ella") seine liebevolle Geschichte vom Zusammenhalt gekonnt zwischen Witz und Herz ausbalanciert. Getragen wird sie vom überragenden Spiel der beiden Hauptdarsteller Fredrick Lau und David Kross, die sich damit schon jetzt für den nächsten Deutschen Filmpreis empfehlen.

Webseite: www.simpel-film.de

D 2017.
Regie: Markus Goller.
Mit David Kross, Frederick Lau, Emilia Schüle, Axel Stein, Devid Striesow, Annette Frier.
Verleih: Universum, Vertrieb: DCM
113 Min.
Kinostart: 9.11.2017

FILMKRITIK:

Eine überaus berührende Geschichte von zwei Brüdern, die nicht unterschiedlicher sein könnten und sich doch innig mögen. Barnabass hat leider bei der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen und ist geistig nicht so ganz auf der Höhe, weswegen er einfach aber liebevoll Simpel genannt wird. Dafür hat Ben ein sehr großes Herz und sein Leben ganz darauf ausgerichtet, sich um seinen Bruder zu kümmern. Irgendwie könnte es immer so weitergehen mit dem leicht verschrobenen Alltag der beiden, doch eines Tages ist Mama tot, der Vater schon seit Jahren weg, und Simpel soll ins Heim. Das bringt Ben nicht übers Herz – und in einer Kurzschlussreaktion machen sich die beiden aus dem Staub, reißen aus irgendwohin, wo sie bleiben können wie sie sind. So beginnt eine große Abenteuerreise, die mehr Aufregung bringt, als Simpel eigentlich ertragen kann. Aber wenn man so einen Bruder an seiner Seite hat…
 
“Simpel” ist die sehr freie Verfilmung des Romans der französischen Autorin Marie-Aude Murail. Die Geschichte, die nun irgendwo im Norden spielt nicht weit von der Küste, wo man sich vor dem Leben und seinen Anforderungen verstecken kann, ist für den Film zum wunderbaren Roadmovie umgedeutet. Das Brüderdrama lebt natürlich vom Spiel der beiden Hauptdarsteller: Schauspiel-Naturtalent Frederick Lau (“Victoria”, “Die Welle”, “Das Leben ist nichts für Feiglinge”) verkörpert mit einer herzhaften Bärenenergie den treu sorgenden Ben, der kleiner Bruder, großer Bruder, Freund und Vater in einer Person ist und viel Geduld und noch mehr Freude mit dem etwas anderen Bruder hat, weil er ihn so nimmt wie er ist.
 
David Kross (“Krabat”, “Der Vorleser”, “Zeit für Legenden”) ist Simpel, der geistig behindert ist, fast immer lacht, und ansonsten seinen Hasehase drückt und quetscht und überall mit hin nimmt, weil auch er damit jemanden hat, auf den er aufpassen kann. Zur Vorbereitung auf diese Rolle verbrachte Kross Zeit in einem Behindertenheim, wo er die Menschen beobachtete und einstudierte, wie sich Simpel bewegen soll. „Es hat total viel Spaß gemacht”, hat er abschließend gesagt – und das merkt man mehr als überzeugend. In Gestus, Mimik und der gesamten Körpersprache ist er so linkisch, so verspielt, so verdreht, so authentisch und auf liebevolle Weise so verrückt und witzig, dass man gar nicht anders kann, als diesen Simpel zu mögen.
 
Mit ihrer Darstellung und ihrem innigen Zusammenspiel sind David Kross und Frederick Lau, die ja schon beide einige Auszeichnungen haben, schon jetzt eine Empfehlung für den nächsten Deutschen Filmpreis.
 
Ergänzt wird das Team durch Emilia Schüle, die gerade aus keinem deutschen Film wegzudenken ist, die die beiden unterwegs aufgabelt und zu einer guten Schwester und guten Freundin (und vielleicht mehr) wird. Mit dabei sind zudem Comedian Axel Stein als liebevoller Sanitäter in der Not, Devid Striesow als Rabenvater und Annette Frier als Puffmutter.
 
Inszeniert ist das Roadmovie von Markus Goller, der schon mit “Frau Ella” und “Friendship” erfolgreiche Kinofilme schuf. Immer wieder findet er die Balance zwischen Witz und Rührung. Vor allem schafft er es, das Behindertsein ernst zu nehmen und dennoch Spaß an den verrückten Situationen zu haben. Witzig und warmherzig – selten hat die Kombination so gut gestimmt und entsprechend der Geschichte auch gepasst. Mit ein bisschen Glück könnte hier ein Sleeper entstehen, der sich durch Mundpropaganda zu einem veritablen Kinohit entwickelt. Verdient hätte es der Film – der liebevollste der Saison ist er auf alle Fälle.
 
Hermann Thieken