Sin Nombre

Casper ist Gangmitglied der Mara Salvatrucha. Doch schlägt sein Herz nicht allein mehr für die Gang. Ein Mädchen genießt seine Aufmerksamkeit. Eine Liaison mit ungeahnten Folgen. Und so begegnet Casper im weiteren Verlauf der Geschichte Sayra, die ihrerseits auf der Flucht ist in ein besseres Leben. Ein gelungener Genre-Mix und das eindrucksvolle Regiedebüt von Cary Joji Fukunaga – ein Name, den man sich merken sollte.

Webseite: www.sinnombre-derfilm.com

Mexiko, USA 2009
Regie: Cary Joji Fukunaga
Darsteller: Paulina Gaitan, Édgar Flores, Kristian Ferrer, Tenoch Huerta, Diana Garcia, Luis Fernando Peña
Laufzeit: 96 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 25.03.2010
 

PRESSESTIMMEN:

Fukunaga kombiniert Thriller, Liebesgeschichte und halbdokumentarisches Flüchtlingsdrama zu einem kleinen Meisterwerk.
DER SPIEGEL

Schnell, packend, bewegend, tolle Kameraarbeit. Nahezu perfekt.
KulturSPIEGEL

AUSZEICHNUNGEN:

– Regiepreis Sundance Filmfestival
– Skillset New Directors Award beim Edinburgh Filmfestival
– Preis der Jury in Deauville

FILMKRITIK:

Die Mara Salvatrucha ist nicht irgendeine Gang. Mit ihren geschätzten 100.000 Mitgliedern – vor allem in Zentralamerika – ist sie die größte und gefährlichste Gang der Welt. Wer sich als vollwertiges Mitglied bezeichnen will, muss zunächst eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Der erste Teil besteht darin, sich von seinen Bandenkumpels 13 Sekunden lang grün und blau schlagen zu lassen. Der zweite Teil ist nichts Geringeres als der Mord an einem Feind. Danach gehören Leib und Seele der Mara. Fortan ist sie Rückhalt und Sicherheit in einem wirtschaftlich zerrütteten System. Fortan ist sie aber auch die Einbahnstraße des Lebens. Und wer nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit in den Dienst der Sache stellt und mit ganzem Herzen bei der Gang ist, der begibt sich in große Gefahr. Dies soll auch Willy – genannt El Casper – auf bitterste Art und Weise erfahren.

Kein Gangmitglied hätte je erfahren dürfen, dass Caspers Herz nicht allein mehr für die Mara schlägt. Ihr Name ist Martha Marlene und sie ist der Grund warum er in letzter Zeit seine Aufgaben vernachlässigt. Nur so konnte es passieren, dass ein Feind im eigenen Ganggebiet gefangen genommen wurde. Doch nicht Casper hatte den Todgeweihten gefunden, denn er verbrachte seine Zeit stattdessen mit seiner Auserwählten. Nichts ahnend hatte die sich zwischen ihn und seine Gang gedrängt. Ein folgenschwerer Fehler, der Casper regelrecht aus der Bahn werfen wird. Verdammt in alle Ewigkeit scheint sein Schicksal nunmehr besiegelt. Doch sein weiterer Weg soll erneut durch ein wunderschönes Mädchen gekreuzt werden. Sayra ist mit ihrem Vater und ihrem Onkel auf der Flucht in ein besseres Leben. Auf ihrer illegalen Reise trifft sie auf den kriminellen Aussätzigen. Eine Begegnung, die beider Leben für immer verändern wird.

Cary Joji Fukunaga ist kein ganz einfach zu merkender Name. Die Mühe sollte man sich dennoch machen. Mit „Sin Nombre“ gibt Fukunaga sein Debüt als Spielfilmregisseur. Ein eindrucksvoller Erstling, in dem er gekonnt die verschiedenen Genres mixt. So erzählt der Film eine ganz klassische Liebesgeschichte, die in einem packenden Gangster-Thriller eingebettet ist. Überdies ist „Sin Nombre“ eine bewegende Immigrantengeschichte in der Erzählform eines Roadmovies. In direkter Tradition des neuen lateinamerikanischen Independent-Kinos, zeigt Fukunaga die raue Wirklichkeit einer kompromisslosen und durch Gewalt geprägten Welt – gedreht an Originalschauplätzen in Mexiko. Vergleiche mit „Amores Perros“ und „City of God“ drängen sich auf und doch ist dieser Film ganz anders. Ein intensives und schonungsloses Regiedebüt voller Poesie. Eindrucksvoll gespielt, wunderschön gefilmt und mit stimmungsvoller Musik untermalt. Eine rundum gelungene Inszenierung.

Gary Rohweder

Die « Mara Salvatrucha » ist eine der berüchtigtsten grenzüberschreitend operierenden Verbrecherbanden vor allem in Südamerika. Wer aufgenommen werden will, muss Erniedrigungen über sich ergehen lassen, unter Umständen sogar einen Menschen töten. Die Gang ist (insbesondere durch den Drogenhandel) reich, tritt unter bestimmten Formen auch „zum Schutz der Bevölkerung“ auf.

Der Film „Sin Nombre“ beobachtet ausschnittsweise, wie die Mara Salvatrucha ihr Unwesen treibt. Casper ist Mitglied der Gang. Lil’ Mago und El Sol sind die Anführer. Der zwölfjährige Smiley wird soeben aufgenommen. Der Aufnahmeritus: Er wird 13 Sekunden lang auf das übelste geschlagen. Doch das ist noch lange nicht alles. Casper hat sich in Martha Marlene verliebt. Wenn die Anführer erfahren, dass er seine „Arbeit“ in der Gang vernachlässigt, ist er geliefert.

Smiley muss, um definitiv zur Mara Salvatrucha gehören zu können, einen Feind der Bande töten, den El Sol in deren Revier entdeckte.

Casper und Martha Marlene haben nur einen Wunsch: mit dem Zug ab nach Norden – in die USA. Aber El Sol spürt sie auf. Casper wird niedergeschlagen, Martha Marlene zum letzten Mal gesehen.

Casper und Smiley müssen mit Lil’ Mago auf eine „Mission“. Das heißt mit anderen Worten: die Emigranten ausrauben, die sich mit der Eisenbahn „nach Norden“ absetzen wollen.

Für Casper ist das letzten Endes zuviel. Er erschlägt Lil’ Mago, der ein Mädchen vergewaltigen will. Doch damit ist auch sein Todesurteil gesprochen. Kein anderer als Smiley ist es, der Casper jetzt töten soll.

Sayra gesellt sich zu Casper. Sie ist wohl das Mädchen, das vergewaltigt werden sollte. Ihr Vater ist vom Zugdach abgestürzt und tot. Sie ist jetzt allein. Werden Casper und Sayra es bis Kalifornien schaffen? Denn eines ist sicher: Auch El Sol, Smiley und ein Trupp schwer bewaffneter Bandenmitglieder warten schon.

Fiktion, aber auch viel Realität spiegelt dieser Film wieder. Um ihre Macht und ihren Einfluss in der minderbemittelten Bevölkerung zu erhalten, operiert die Mara Salvatrucha völlig skrupellos. Der Film wirft in (auch formal) überzeugender Weise einen vielsagenden Blick darauf. Solange bestimmte gesellschaftliche Diskrepanzen nicht beseitigt sind, wird sich in Südamerika (und anderswo) ein solches Bandenwesen wie auch die Völkerwanderung in sozial besser gestellte Länder nicht vermeiden lassen.

Eine dramatische und pessimistische Lehrstunde in südamerikanischer Gesellschaftspolitik.

Thomas Engel