Sing It Loud – Luthers Erben in Tansania

Sehenswerter und aufschlussreicher Dokumentarfilm über einen Chor-Wettbewerb, der seit sechzig Jahren von der evangelischen Kirche im Norden Tansanias veranstaltet wird. Jeder Chor singt zwei Lieder, eines davon ist Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“. Regisseurin Julia Irene Peters hat sich aus drei dieser Chöre jeweils zwei Menschen herausgepickt, die sie kurz in ihrem Alltag und bei den Proben begleitet. Durch die Auswahl der Sänger entsteht so etwas wie ein Querschnitt durch die Bevölkerung Tansanias. Im Vordergrund steht aber die Liebe zur Musik, das Singen ist den Chor-Mitgliedern Lebensfreude und Lebenssinn, es bedeutet Zusammenhalt und Geselligkeit. Durch die Anbindung an Luther werden auch Fragen des christlichen Glaubens verhandelt, ein kurzer geschichtlicher Abriss berichtet über die Missionierung und Kolonialisierung des Landes durch Deutschland.

Webseite: www.singitloud.de

Deutschland 2017.
Regie: Juliane Irene Peters, Jutta Feit
Länge: 99 Min., ab 0 J.
Verleih: JIP Filmproduktion
Kinostart: 18.5.2017
 

FILMKRITIK:

„Singen macht glücklich!” – Diesen Satz man wird im Laufe des Films mehrmals hören. Und in der Tat: Die Menschen, die uns Regisseurin Julia Irene Peters vorstellt, haben Spaß an dem, was sie tun, das Singen ist ihnen Lebensfreude und Lebenssinn. Mehr noch: Gemeinsam mit anderen zu singen, bedeutet Zusammenhalt und Geselligkeit.

Hintergrund von „Sing It Loud“ ist ein Chor-Wettbewerb im Norden Tansanias, der seit sechzig Jahren von der evangelischen Kirche des Landes veranstaltet wird. Es geht also auch um christlichen Glauben, die Missionierung des Landes, die deutschen Kolonialisten, die hier noch bis zum Ende des Ersten Weltkriegs die Geschicke des Landes bestimmten, aber auch das Bewusstsein, an der eigenen Kultur der Massai festhalten zu müssen.

Peters hat sich aus drei Chören, die sie bis zum Finale beobachten wird, sechs Menschen herausgepickt und für Momente in ihrem Alltag begleitet. Kurz vorgestellt werden sie jeweils durch kleine Texttafeln. Da sind die Kleinbauern Martha und Simon, die unter einfachsten Bedingungen in einem kleinen Dorf leben und im Neema Chor singen. Sie haben den zwölfjährigen Sohn von Verwandten aufgenommen, das Leben ist schwer. Ganz anders das Ehepaar Maria und Evarest. Sie besitzen immerhin eine Autowerkstatt in der Großstadt Arusha, wohnen in einem großzügigen Haus und gehören somit der Mittelschicht an. Was das bedeute? „Wir können alles bezahlen,“ sagt Maria und meint sowohl Krankenversorgung als auch die Ausbildung für die Kinder. Der 15-jährige Kelvin singt zusammen mit Nunn in einem Jugendchor, sie vertrauen auf elektronische Instrumente als Begleitung und haben sogar das notwenige Equipment, um Musikvideos zu drehen und zu schneiden. Zwei davon sind im Film zu sehen.

Durch die Auswahl der Sänger entsteht so etwas wie ein Querschnitt durch die Bevölkerung Tansanias. Landbevölkerung, Großstädter und Jugendliche, die sich Gedanken um ihre Zukunft machen oder den Sinn von Discobesuchen hinterfragen. Wäre es nicht besser, statt dessen in die Kirche zu gehen? Denn alle sind sie Christen, und eines der beiden Lieder, die sie vortragen werden, ist Pflicht: Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“, nicht auf deutsch, sondern auf Suaheli, aber trotzdem sei es nicht leicht, „dieses europäische Lied zu lernen“, wie der Leiter eines Chores offenherzig bekennt. So etwas wie Fremdheit scheint da immer noch durch. Die selbst komponierten traditionellen Lieder, die auch immer von der eigenen Kultur zeugen, fallen den Sängern, quasi als Kür, da schon sehr viel leichter. Zwischendurch erklären die Juroren ihre Arbeit, was ihnen wichtig ist, worauf sie bei Chorleitern, Sängern und Musikern achten.

Julia Irene Peters beobachtet, sie lässt die Menschen erzählen, über ihre Freude an der Musik, über ihren harten Alltag, über ihre Sorgen, über die Probleme, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Zwischendurch fängt sie den Großstadttrubel von Arusha ein oder die faszinierende Schönheit der Landschaft Tansanias. Am Schluss kommen die Chöre zum Wettbewerb zusammen, in farbenfrohen, traditionellen Kostümen stellen sie sich dem Publikum, jetzt steht die Musik wieder im Vordergrund. Und einer wird gewinnen.
 
Michael Ranze