Sing Your Song

Eindrucksvoll setzt Regisseurin Susanne Rostock mit ihrem Dokumentarfilm „Sing your song“ dem Jahrhundertentertainer Harry Belafonte ein filmisches Denkmal. Harry Belafonte – das sind karibische Klänge, Calypso und natürlich der „Banana Boat Song“. Weniger bekannt ist, dass der Ausnahmekünstler zeitlebens engagierter Bürgerrechtler war und bis heute ist. Die mitreißende Dokumentation zeigt seinen jahrzehntelangen Einsatz und zeichnet das bewegende Bild eines charismatischen Kämpfers gegen Armut und Diskriminierung. Gleichzeitig ist die absolut sehenswerte Hommage ein Stück amerikanischer Zeitgeschichte und ein ergreifendes Plädoyer gegen Rassismus.

Webseite: www.arsenalfilm.de

USA 2010 – Dokumentation
Regie: Susanne Rostock
Darsteller: Harry Belafonte, Sydney Poitier, Nat King Cole, J., Julie Belafonte, Martin Luther King Jr., John F. Kennedy, Nelson Mandela, Miriam Makeba, Lionel Ritchie, , Whoopi Goldberg.
Länge: 105 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 19.04.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Armut, Diskriminierung und Erfolg. Das Leben des Ausnahmekünstlers Harry Belafonte ist amerikanische Zeitgeschichte, schonungslos und spannend zugleich. Die Dokumentation begleitet seinen Weg vom Aufstieg eines schwarzen Jungen aus dem New Yorker Ghetto Harlem zum größten Entertainer des 20sten Jahrhunderts. Der Sohn eines Matrosen aus Martinique und einer Arbeiterin aus Jamaika ist der smarte King des Calypsos aber auch engagierter Bürgerrechtler. Seit 1956 verbindet ihn eine enge Freundschaft mit Friedensnobelpreisträger Martin Luther King. Später organisiert der wagemutige Aktivist gemeinsam mit der Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung den legendären „Civil Rights March“ auf Washington.

In seiner künstlerischen Laufbahn durchbricht der agile Grandseigneur mit seinen rebellischen karibischen Wurzeln immer wieder die unerträglichen Rassenschranken. Von keinem Rückschlag lässt sich der talentierte Schauspieler und Sänger entmutigen. 1959 produziert er mit seiner eigenen Firma den Thriller „Odds Against Tomorrow“ und übernimmt die Rolle des schwarzen Spielers Johnny. Ein später film noir von Regisseur Robert Wise, der mit einem brillant aufspielenden Harry Belafonte erstmals einen Schwarzen als Hauptakteur in diesem Genre einsetzt.

Mühsam restauriertes seltenes Archivmaterial, Mitschnitte aus Filmauftritten und Shows verwebt Regisseurin Susanne Rostock in gekonnter Montage. Immer wieder zeigen dokumentarische Aufnahmen brutalster Gewalt gegen Afroamerikaner. Dazu aus dem Off Belafontes stolze heisere Stimme von einem langen Interview mit der Filmemacherin. Sie erzählt von ständiger demütigender Ausgrenzung wegen seiner Hautfarbe, Auftrittsverboten seiner „gemischtrassigen“ Crew, Absetzungen von Fernsehsendungen, weil er wagt, sich von der weißen Sängerin Petula Clark berühren zu lassen oder mit weißen Kindern lachend in seiner Show auftritt.

Weggefährten und Freunde wie Schauspieler Sidney Poitier kommen zu Wort. Zusammen mit ihm bringt Harry Belafonte 70 000 Dollar in die Südstaaten nach Mississippi, um die Kampagne zur Wahlregistrierung von Schwarzen zu unterstützen. Der Klu-Klux-Klan ist den beiden dabei hart auf den Fersen. Bewegend der Ausschnitt eines nächtlichen Konzerts mit Jazz-Ikone Nina Simone und Sammy Davis Jr. vor dem Freiheitsmarsch auf Montgomery. Mehr als einmal riskiert Harry Belafonte dabei seine Karriere. Die rassistischen Anfeindungen erreichen einen Höhepunkt, als er mit Julie Robinson eine Weiße heiratet. Durch sein intensives politisches Engagement gerät Belafonte außerdem immer mehr ins Fadenkreuz von FBI und CIA.

Der streitbare Künstler lässt sich freilich nicht einschüchtern. Auch nach der Ermordung von Martin Luther King bleibt er aufrecht. Ob Unterstützung der Indianerbewegung American Indian Movement (AIM), Proteste gegen den Vietnam-Krieg oder später die Aktionen gegen die Apartheid in Südafrika, er nutzt seine künstlerische Plattform. Bereits zu Beginn der 60er Jahre setzt er sich für die stimmgewaltige südafrikanische Sängerin Miriam Makeba ein. Tourt mit der Königin des Afropop und Weltmusikerin durch die USA. Macht sie zum ersten afrikanischen Superstar. Die filmische Reise durch die Dekaden seiner unerschütterlichen Zivilcourage beeindruckt. Eine Lebensbilanz, die Respekt verdient. Umso mehr als der unbequeme „angry old men“ nicht nachlässt, wo auch immer ein Unrecht zu bekämpfen ist.

Trotzdem kreist der Film nie eitel um den Hauptprotagonisten. Einem Aufschrei gleich zeigt er am Ende Szenen aus dem Amerika von heute. Zwei Polizisten fesseln ein schwarzes, hilflos strampelndes fünfjähriges Mädchen, um es in Handschellen abzuführen. Ein gewaltiger Riss im Mythos der Rassenintegration. Immer noch sind US-Amerikanische Gefängnisse hauptsächlich für Schwarze da. Für Harry Belafonte unweigerlich Grund sich einzumischen, erneut seine Stimme für Menschenrechte zu erheben. Letztendlich fühlt sich der inzwischen 85jährige noch immer der gewaltfreien Vision eines Martin Luther King verpflichtet, dem die „Poor People Campaign“ das Leben kostete.

Luitgard Koch

Im Allgemeinen kennt man Harry Belafonte durch seine weltberühmten Calypso-Songs. Sieht man diesen Dokumentarfilm, verfestigt sich, was man oberflächlich sonst noch über ihn wusste, dass er sich nämlich auch sozial und politisch engagierte.

Dass er, der Farbige, der „Schwarze“, der Afroamerikaner, sein Leben lang derart kämpfte, das erkannten zumindest in Europa die wenigsten.

In jungen Jahren versuchte er sich zunächst als Schauspieler. Doch sein Gesangstalent wurde relativ rasch erkannt – und genutzt. Durch seine Berühmtheit gewann er politischen Einfluss.

Die Rassentrennung in den USA war noch virulent. Gemischtrassige künstlerische Ensembles durfte es nicht geben. Jede körperliche Berührung musste unterbleiben. Besonders in den Südstaaten waren Ablehnung und Hass überaus stark.

Harry Belafonte trat dagegen auf – auch unter Einsatz seines Lebens.

Es war die Zeit des Martin Luther King, des Bobby Kennedy, der als Justizminister bis zu einem gewissen Grade Gesetzgebung und Rechtsprechung zu Gunsten der farbigen Bevölkerung zu verändern suchte. Es war die Zeit der gewaltigen Aufmärsche, der Straßenschlachten der Farbigen mit der Polizei, der Verhaftungen und Ermordungen.

Sowohl Pastor King als auch Minister Kennedy bezahlten mit ihrem Leben.

Später, als Bürgerrechte, Wahlrecht und Gleichbehandlung gesichert waren, ging Belafontes Kampf weiter: gegen den Vietnam-Krieg, in Südafrika, im übrigen Afrika, auf Haiti, während der Hungersnot in Äthiopien – überall. Dann machte er in vielen wichtigen Veranstaltungen auf die Nöte der armen und schwarzen Jugend in den Vereinigten Staaten aufmerksam.

Chronologisch zeigt der Film dies in einer Bilderflut auf. Belafontes Selbstzeugnisse und Kommentare sind beeindruckend, die Berichte und Erzählungen der Zeitzeugen aufschlussreich. Eines steht fest: Belafonte ist eine bedeutende Persönlichkeit.

Sicherlich machte der mehrmalige Ehemann und Vater einer ganzen Schar von Kindern auch Fehler und Dummheiten. Dass diese hier ausgespart wurden, war falsch. Die Belafonte-Hymne ist deshalb arg eindimensional. Aber alles in allem ist es ein künstlerisches, kämpferisches, politisches Leben, ein Leben von Gewicht.

Und Gott sei Dank lebt Belafonte noch.

Filmisches Résumé eines bedeutenden Lebens und Kampfes.

Thomas Engel