Sivas

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass sich ein Film mit archaischen Strukturen in einer konservativen Region beschäftigt, doch auch wenn Kaan Müjdecis Debütfilm „Sivas“ inhaltlich keine neuen Wege beschreitet, ist das Drama um einen Jungen und seinen Hund dank seiner subtilen Beobachtung einer anatolischen Dorfgemeinschaft und einem erstaunlichen jungen Hauptdarsteller ein kraftvoller Film.

Webseite: www.sivasfilm.com

Deutschland/ Türkei 2014
Regie, Buch: Kaan Müjdeci
Darsteller: Dogan Izci, Okan Avci, Ozan Celik, Ezgi Ergin, Banu Fotocan, Muttalip Mujdeci, Hasan Ozdemir
Länge: 97 Minuten
Verleih: Coloured Giraffes
Kinostart: 3. Dezember 2015
 

FILMKRITIK:

Gleich die erste Szene etabliert den Ton des Folgenden: Ein paar Jungs, zehn, elf Jahre alt, spielen auf einem Hügel außerhalb ihres Dorfes, es wird gerangelt, ein wenig geschubst, Mutproben gestellt. Ganz normales Verhalten, die in dieser speziellen Konstellation allerdings eine tiefere Bedeutung haben. Denn zwei der Jungs sind Aslan (Dogan Izci) und Osman, der Sohn des Dorfvorstehers, die eigentlich Freunde sind aber durch die Position von Osmans Vater auf unterschiedlichen Ebenen der Hierarchie stehen. Das zeigt sich, zumindest in den Augen Aslans, auch in der Besetzung der Schulaufführung von Schneewittchen: Nicht er darf den Prinzen spielen, sondern natürlich Osman. Nicht nur ist dies die größere Rolle, die Prinzessin wird auch noch von Ayse gespielt, einem Mädchen das Aslan gerne mag, dass jedoch in den tief konservativen Strukturen des Dorfes bald unweigerlich mit Osman verheiratet werden wird.

Ausgesprochen wird dies alles nicht, doch die Strukturen des Dorfes, die archaischen Traditionen sind jederzeit spürbar und so spiegelt sich schon im Verhalten der Kinder, das Verhalten der Erwachsenen. Diese Ebene der Machtstrukturen führt der Film mit seiner Titelfigur noch fort: Dem Kampfhund Sivas. Diesen findet Aslan verletzt und blutend, pflegt das riesige Tier, das ihn fast überragt und steht durch seinen plötzlichen Besitz auf einmal im Mittelpunkt. Auch das Dorfoberhaupt wird auf Aslan und Sivas aufmerksam, der Hund nimmt erfolgreich an Kämpfen teil, doch der Ruhm fällt nicht auf Aslan ab, sondern auf das Dorf und damit das Oberhaupt und seinen Sohn. An den althergebrachten Strukturen wird sich so schnell nichts ändern.

Oft spielen Filme, die sich mit archaischen Strukturen beschäftigen Tradition und Moderne gegeneinander aus doch das ist bei „Sivas“ anders: Moderne gibt es hier nicht, der Blick reicht nie über die anatolische Region hinaus, die Kaan Müjdeci in harschen, kargen Bildern zeigt. Fast in jedem Moment ist dabei sein junger Hauptdarsteller Dogan Izci zu sehen, der hier seine erste Rolle spielt. Elf Jahre soll seine Figur sein, doch Izci wirkt zumindest äußerlich wie ein acht oder neunjähriges Kind. Und doch ist sein ganzes Wesen schon geprägt von den Strukturen, in denen er aufwächst, von der Härte eines Lebens auf dem Land, von seiner Rolle in einer streng hierarchischen Dorfgemeinschaft, gegen die er unterbewusst aber letztlich vergebens rebelliert.

Meist filmt Müjdeci bewusst aus der Perspektive Aslans, lässt die Kamera von unten auf die Erwachsenen blicken, in deren Mitte das Kind erst recht verloren wirkt. Die Authentizität die Izci seine Figur gibt ist erstaunlich und lässt Sivas fasst zu einem Dokumentarfilm über eine archaische Dorfgemeinschaft werden. Zumal Müjdeci nur selten zu direkt wird, so wie in einer Szene, als der Dorfvorsteher über die vorgegebene Rolle Sivas spricht, der eben ein Kampfhund ist und eben kämpfen muss, eine Bemerkung, die natürlich auch auf die Rollen Sivas und Osmans gemünzt ist, deren Position im Dorf seit ihrer Geburt feststeht. Meist ist „Sivas“ jedoch subtiler, deutet die Archaik nur an, polemisiert auch nicht gegen die tradierten Strukturen, sondern zeigt eine Welt, die einfach so ist wie sie ist.
 
Michael Meyns