Sketches of Frank Gehry

Sydney Pollack trifft Frank Gehry: Der Regisseur von „Jenseits von Afrika“ und der Architekt des Guggenheim Museums Bilbao – beide über 70 und zigfach preisgekrönt – suchen in sehr entspannten Gesprächen und Bildern nach den kleinen persönlichen Gestaltungsräumen unter kommerziellen Zwängen und graben hierbei auch nach den Quellen ihrer Kreativität. Pollacks Künstlerdokumentation ist ein offenherziges Freundschaftswerk, das nachhaltig bereichert.

Webseite: frankfehry.kinowelt.de

USA 2006
Dokumentation
R: Sydney Pollack
Mit: Frank Gehry,  Chuck Arnold, Julian Schnabel, Dennis Hopper, Bob Geldof, Milton Wexler, Michael Eisner
Format: 35 mm / 1:1,85, OmU
Verleih: Kinowelt
L: 83 Min.
Kinostart: 5. Juli 2007

PRESSESTIMMEN:

Ein fabelhaft anschauliches und vergnügliches Porträt.
Der Spiegel

Obwohl mehr Bewunderung ausdrückend als auch den Argumenten der Gehry-Kritiker nachgehend, entstand ein farbiges, nie langweilendes Dokument über einen der wichtigsten Baumeister der Gegenwart und zugleich ein Film, der für jeden an Architektur Interessierten Bemerkenswertes zu bieten hat. – Sehenswert.
film-dienst

Eine Presseschau auf film-zeit.de hier…

FILMKRITIK:

Aller Anfang ist schwer, auch für die ganz Großen: „Ich mache dumme Termine, die sich wichtig anhören, nur um nicht anfangen zu müssen“, erklärt Frank Gehry  seine Strategie der Vermeidung am Start eines neuen Projekts. Wenn er denn aber einmal  begonnen hat, ist er  erstaunt: „So schlecht war es gar nicht!“.
Pollack, der sich gemütlich in Gehrys Atelier niedergelassen hat, fragt nach, woher  er denn seine Ideen beziehe? Gehry zeigt ihm ein Hieronimus-Bosch-Bild. Daraus habe er zum Beispiel einmal die Konturen übernommen.Ein anderes Mal waren es die Scherben eines vor Wut zerschmissenen Glases. Darin sah er die Schuppen eines Fisches. Die Form eines Fisches  tauchte fortan in seinen Skulpturen, Lampen, auch in seinem Schmuck-Design für Tiffany und natürlich in Gebäuden auf. Auch um sich gegen „die klassischen Tempel“ anzulehnen, die seine Kollegen in den 80er-Jahren propagierten. Sydney Pollock  spinnt das Gespräch auf  Augenhöhe weiter. Für ihn sei Talent „flüssiger Ärger“, eine Frustration, die anders nicht zum Ausdruck käme. So erklären sich zwei Künstler, wie sie wurden was sie sind.

Gehry liebt es, Holzklötze verschiedener Formen und Größen zusammenzulegen: „Es sieht so blöd aus, es ist großartig!“ Als Kind sortierte er gemeinsam mit seiner Großmutter  die Ofen-Holzscheite zu Häusern und Straßen zusammen, ließ ganze Städte entstehen.Viele betrachten ihn mehr als einen Bildhauer denn als Architekten. Lange fand sich Gehry der Häme seiner Kollegen ausgesetzt: „Sie sahen immer nur ‚X‘, nicht ‚X plus‘ oder ‚X minus‘“. Also wandte er sich den bildenden Künstlern zu. Darum  lässt Pollock vor allem Künstler über Gehry reden. Sie betonen das Sinnliche, Musikalische in seiner Architektur. „Frank lebt im Moment. Er kreiert aus einer Idee heraus.“, sagt Dennis Hopper. Julian Schnabel präsentiert sich mit Sonnenbrille, Bademantel und Cognac-Schwenker: „Das Museum Bilbao hat ägyptische Maßstäbe. Man geht hinein wie in die Königsgräber von Luxor.“

Auch Gehrys langjähriger, inzwischen steinalter Psychoanalytiker Milton Wexler kommt zu Wort. „Meine naiven Fragen halfen ihm, sich erwachsen zu fühlen.“ Damals habe sich Gehry in jeder Hinsicht bankrott gefühlt. Auch weil er sich von seiner damaligen Frau überreden ließ, seinen eigentlichen Namen – Ephraim Goldberg – aufzugeben. Er brauchte Zeit, um  Selbstbewusstsein aufzubauen. Pollock zeigt Verständnis: „Zunächst tat ich so, als sei ich Regisseur, irgendwann war ich es dann wirklich“.

Der ehemalige Disney-Chef Michael D. Eisner freut sich darüber, wie aus „diesen Kritzeleien oder was das war“ die Walt Disney Concert  Hall in Los Angeles wurde, die seine Erwartungen noch übertreffen sollten.
Unter all den Hymnen nimmt Pollack auch eine Gegenstimme an Bord: Hal Foster, ein Archtekturprofessor aus Princeton, regt sich über Gehrys Selbstzitate auf, bezeichnet seine Werke als „Logo-tektur“. Angesichts dieser Kritik möchte man wieder  an Julian Schnabels Stellungnahme denken. Er vergleicht Gehrys Kritiker  mit Fliegen, die einen Löwenhals umschwirren.

Gehrys schwungvolle Skizzen – die wie aus einem einzigen Strich wirken – werden in Modelle aus Pappe und Papier  oder gleich in Computerstrukturen übertragen und von inzwischen über 140 Mitarbeitern realisiert. Die  neue Technologie erlaubt es , noch skulpturaler zu arbeiten. Wie es um Statik und Funktionalität bestellt ist, fällt allerdings unter den Tisch. Vielleicht wirkt der Film  auch deshalb so unbefangen, weil er für beide  Neuland bedeutet: Pollack dreht zum ersten Mal im Leben eine  Dokumentation, Gehry lässt sich zum ersten Mal filmisch porträtieren.

Dank der Freundschaft zwischen Pollock und Gehry geht es hier sehr persönlich, direkt und wahrhaft zurückgelehnt  zu. Die beiden sind oft im Sessel zu sehen, Pollack scheint einmal fast über seiner Handkamera  einzudösen. So erfährt man quasi nebenher, wie der Mensch Frank Gehry tickt. „Ich will bescheiden sein, aber ich bin ehrgeizig und aufdringlich.“ Oder: „Ich bin ein Kind des Modernismus, der besagt, dass Dekoration Sünde ist“. Der Anblick der Kathedrale von Chartres überwältigte ihn: „Es  sind Gefühle in drei Dimensionen. Das zwingt einen in die Knie.“ Jetzt begeistert er sich für Eishockey, früher faszinierte ihn das Fliegen. „Deshalb arbeitete ich als Flugzeugwäscher. Hätte ich dort ein Jobangebot bekommen, wäre mein Leben vielleicht ganz anders verlaufen.“ Pollocks Reaktion dazu:  „Wie fragil die Dinge sind, die einem im Leben wichtig sind.“ Seine Dokumentation glänzt nicht nur durch die Nähe zum Künstler und zum Thema, sondern auch durch die Intensität, mit der er auf Gehry eingeht. Als Gehry irgendwann erwähnt, wie neidisch er auf Maler sei und wie unerreichbar die Malerei für ihn wäre, fängt die Kamera die lebendigen Lichtreflexionen an den Fassaden des Bilbao-Museums ein und zeigt dann Gehrys Hand, die über eine Wand streicht. In Wirklichkeit ist der Architekt ein Maler.

Dorothee Tackmann

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Sydney Pollack ist für besonders gute Spielfilme berühmt, nicht für Dokumentarfilme. Hier legt er jedoch einen solchen vor. Er hat ihn in Jahren für seinen Freund, den Architekten Frank Gehry, gedreht. Gehry ist im Positiven wie im Negativen ein Ausnahmearchitekt. Immerhin hat er das Guggenheim-Museum in Bilbao geschaffen, zweifellos eine Sensation in der Architektur, ein Wunderwerk an Licht, Metall, bizarrer Formgebung und origineller Raumaufteilung, das jährlich von Hunderttausenden besucht und bestaunt wird. 

Der Kanadier Gehry, der ursprünglich Goldberg hieß und aus welchem Grund auch immer seinen Namen änderte, erzählt hier sein Leben. Er war Lieferwagenfahrer, Student für Keramik und Architektur, Zeichner. Aus seinen phantasievollen Zeichnungen ging schließlich die mehrdimensionale Gestaltung in der Architektur hervor. Er hält sich nicht an klassische Prototypen, für ihn sind Kurven, schiefe Ebenen, das Zusammenspiel mehrerer äußerst unterschiedlicher Räume eines Projekts, Steigungen, variierende Dachabschlüsse an einem einzigen Gebäude wichtig, ganz abgesehen von den vielen Baumaterialien wie Glas, Titanium, Holz, Stein, Beton und Stahl.

Gehry hat eindrucksvolle Gebäudekomplexe verwirklicht wie etwa die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, das Vitra Design Museum in Weil am Rhein, die DG-Bank in Berlin oder das Museum of Tolerance in Jerusalem. Die Pläne, Modelle und Vorhaben werden längst nicht mehr nur in Zeichnungen erarbeitet, sondern mit einer speziellen Software dreidimensional erstellt und berechnet. Das fachlich erstklassige Team von Gehry umfasst heute bereits 140 Personen.

Freunde, Kollegen, verschiedene Künstler (Bob Geldof, Dennis Hopper z. B.) kommen zu Wort. Sie sehen „ägyptische Ausmaße“ und einen „transzendentalen Zustand“. Eine Kultur der Begeisterung. Aber es fehlen auch nicht die Kritiker, die hässlich oder monströs finden, was Gehry macht, die ihn für einen – sich äußerlich zurückhaltend gebenden – Ehrgeizling mit einem Über-Ego halten, die manche Projekte „für so blöd ansehen, dass sie schon wieder toll sind“.

Berührend, was Gehry über seinen Therapeuten erzählt, über den Wagenlenker von Delphi, darüber, wie wichtig ihm das Licht ist, oder über vieles andere. Sydney Pollack hat das alles zu einem für Interessierte sehenswerten Dokument zusammengefügt. Es ist lehrreich, in gewissem Maße modern in seiner vorwärts weisenden Richtung, sehr, sehr speziell, aber auch menschlich.

Thomas Engel