Slow West

Wenn ein schottischer Regisseur vor der Kulisse Neuseelands mit einem australischen Hauptdarsteller („The Road“-Star Kodi Smit-McPhee) einen in Colorado angesiedelten Neo-Western dreht, dann darf man durchaus gespannt sein. Zumal auch Michael Fassbender als Co-Star und Produzent mitmischte. Erzählt wird in „Slow West“ von einem jungen Mann, der seiner großen Liebe hinterher reist und dabei von einem geheimnisvollen Fremden begleitet und beschützt wird. Trotz zahlreicher Western-Zitate findet der Film zu einem eigenen, surrealen Ton mit düsterem Subtext und viel Road-Movie-Charme.

Webseite: www.slow-west.de

GB/NZL 2015
Regie & Drehbuch: John Maclean
Darsteller: Kodi Smit-McPhee, Michael Fassbender, Ben Mendelsohn, Caren Pistorius, Rory McCann
Laufzeit: 84 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 30.7.2015
 

FILMKRITIK:

„Ein Hoch auf den Westen!“ heißt es im ungewöhnlichen Neo-Western „Slow West“ von John Maclean. Es ist ein Satz nicht ohne erkennbare Ironie und bitterem Beigeschmack. Schließlich waren Teile der USA zu jener Zeit, in der Maclean seine mitunter surreale Reisegeschichte angesiedelt hat, tatsächlich noch wild, gefährlich und unberechenbar. Es herrschten Gesetzlosigkeit, blutige Konflikte und das Recht des Stärkeren. Gleichzeitig schenkte der Westen vielen aber auch eine Zukunft und ein Versprechen von Freiheit. Kurzum: Der Wilde Westen als unerschütterlicher Mythos wie er bis heute nicht zuletzt dank Hollywood in unserer Vorstellung existiert.
 
Im Jahr 1870 zieht es den jungen Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee) aus seiner alten Heimat Schottland in eine vermeintlich neue. In der Weite Colorados sucht er nach seiner großen Liebe Rose (Caren Pistorius), die kurz vor ihm zusammen mit ihrem Vater Schottland verlassen musste. Jay einen naiven Träumer zu nennen, scheint einigermaßen untertrieben. Da ist es irgendwie bezeichnend, dass seine einzige Waffe noch nicht einmal geladen ist. Tatsächlich hat der Junge kaum eine Vorstellung von den Gefahren, die auf ihn warten. Ohne die Hilfe des wortkargen Outlaws Silas (Michael Fassbender) wäre Jay vermutlich auch schon lange tot. Dabei interessiert sich der Fremde nicht wirklich für den Jungen oder die von ihm verlangten Dollar. Vielmehr hat er es auf das üppige Kopfgeld abgesehen, das bei einer Festnahme – tot oder lebendig – von Rose und ihrem Vater winkt.
 
So ist zu vermuten, dass sich die Wege der beiden nicht ganz zufällig kreuzen. Als Gespann durchqueren sie fortan die weite Steppe und dichten Wälder Colorados. Das Tempo ist hierbei selbst für einen Western nicht allzu hoch. Weil Maclean aber immer wieder perfekt getimte Nadelstiche setzt, kurze Actionintermezzi einschiebt und ansonsten seinem Hauptdarstellerduo Kodi Smit-McPhee und Michael Fassbender vertraut, lässt der Erzählrhythmus keinerlei Leerlauf erkennen. Die kompakte Länge von lediglich 84 Minuten ist ein Beleg für Macleans Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Dass er vor seinem Spielfilmdebüt bereits mehrere, prämierte Kurzfilme inszenierte, dürfte die sehr ökonomische Erzählweise erklären.
 
Maclean kennt die Mechanismen und Klassiker des Genres, die er einerseits immer wieder aufgreift und die meist schon im nächsten Moment mit Witz und Ironie unterlaufen werden. Weniger streng und düster als manch anderer Neo-Western erscheint „Slow West“, in dem immer wieder auch fast schon märchenhafte Elemente Platz finden. Die seltsame Begegnung in einem kleinen Handelsposten ist beispielhaft für die vom Regisseur gesetzten Stimmungswechsel. Obwohl Maclean die Codes des Western bis zum bleihaltigen Finale befolgt, gelingt es ihm doch, eine starke Eigenständigkeit zu entwickeln. Eher beiläufig und doch unübersehbar erzählt er von den Verbrechen an den Ureinwohnern und vom harten, beschwerlichen Alltag der Siedler. Eingebettet ist dieser dunkle Subtext in eine abwechslungsreiche Road-Movie-Dramaturgie vor eindrucksvoller Kulisse. Gedreht wurde interessanterweise nicht in Colorado sondern in Neuseeland, das als Wilder Westen-Kopie fast schon das Original überstrahlt.
 
Marcus Wessel