Small Town Murder Songs

Indie-Rock und Indie-Kino aus Kanada: In diesem Geheimtipp gehen sie eine intensive Verbindung ein. Musik spielt in dem düsteren Drama um Glauben, Schuld und Gewalt in der kanadischen Provinz eine Hauptrolle. Die andere übernimmt der schwedische Schauspieler Peter Stormare, legendär geworden durch seine Mini-Rolle als schweigsamer Killer in „Fargo“ von Joel und Ethan Coen. Wie „Small Town Murder Songs“ in Tonfall und Bildsprache überhaupt deutlich an die frühen Filme der Coen-Brüder erinnert.

Webseite: cineglobal

Kanada 2010
Buch und Regie: Ed Gas-Donnelly
Kamera: Brendan Steacy
Darsteller: Peter Stormare, Aaron Poole, Martha Plimpton, Jill Hennessy, Ari Cohen, Jackie Burroughs
Länge: 75 Minuten
Verleih: Cine Global
Kinostart: 28. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Provinz-Cop Walter (Peter Stormare) steht vor seiner ersten Leiche. Die Frau wurde vergewaltigt, ermordet und an einem See abgelegt. Ihre Identität ist unbekannt. Ein schneidiger Kommissar der Bundespolizei übernimmt die Ermittlungen und verdonnert Walter und seinen Partner Jim zu Hilfsarbeiten. Für die Leute des kleinen Ortes in Ontario keine Überraschung. Sie trauen Walter, der einer Gemeinde strenggläubiger Monneniten entstammt, ohnehin nicht zu, dass er den Fall selbst lösen kann. Er wird nicht ernst genommen. Noch dazu neigt er zu gewalttätigen Ausbrüchen, die seine Autorität weiter erodieren lassen. Bei Zeugenbefragungen findet er zwar tatsächlich eine heiße Spur – aber durch sein ungeschicktes Verhalten hat es den Anschein, als wolle Walter den Mord dem Lover seiner Ex-Freundin anhängen.

Filmemacher Ed Gas-Donnelly ist der kreativen Subkultur seiner Heimat Toronto eng verbunden. Er drehte für verschiedene Bands Videos und ließ sich zu seinem zweiten Spielfilm von dem Album „Small Town Murder Scene“ der Gruppe Fembots inspirieren. Den expressiven Soundtrack zum fertigen Film lieferte dann aber der Songwriter Bruce Peninsula. In seinen Songs stoßen Chorgesang auf fiebernden Blues und Rock, einige der Stücke sind traditionelle Folksongs, die Peninsula neu arrangierte.

Tatsächlich hebt Gas-Donnelly diese archaische Musik in den Rang eines Mitspielers. Atmosphäre und Assoziation stehen in seinem Film über erzählerischen Zwängen. Spannung entsteht hier nicht durch den erzählerischen Mechanismus eines Thriller-Plots, sondern allein durch die Intensität der Bilder und Musik. Gas-Donnelly schwebte anfangs gar ein Film vor, der auf eine Erzählung im herkömlichen Sinne komplett verzichten sollte. Nach und nach entwickelte sich zwar doch eine Geschichte, aber die bleibt sehr locker gesponnen. So dauert es sehr lange, bis der Zuschauer durchschaut, wie die Figuren zueinander stehen; er selbst bleibt, wie Walter, ein Außenseiter in einer fremden Welt.

Dieses Gefühl übersetzen Gas-Donnelly und Kameramann Brendan Steacy in Bilder von atemberaubender Dichte. Sie fangen die Weite der Landschaft bei Ontario, wo der Film entstand, in Cinemascope-Aufnahmen ein, die die Figuren verloren erscheinen lässt. Der wolkenverhangene Himmel scheint sie zu erdrücken, und Halt finden sie weder im Glauben noch in der Liebe. Walter aber ist die verlorenste Figur von allen. Mit seiner mennonitischen Familie hat er gebrochen, sucht sein Heil in einer anderen Kirche und in der Beziehung zu seiner Freundin Sam – aber er scheint trotz aller Anstrengung nie anzukommen. Peter Stormare gibt diesem traurigen, schweigsamen Mann ein Gesicht, in dem die Kamera ähnlich liest wie in der Landschaft. Mit buschigem Schnäuzer und riesiger Brille wirkt es gleichzeitig verstockt und stur, verletzlich und brutal. Nach seinem großartigen Auftritt in dem schwedischen Drama „Varg“ (2008) beweist Stormare hier erneut, dass er zu den großen Charakter-Darstellern zählt.

Oliver Kaever

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