Snow White

Die Haut weiß wie Schnee, das Haar schwarz wie Ebenholz, die Lippen rot wie Blut: das reiche Partygirl Nico ist schön wie Schneewittchen und sie soll ebenso harten Prüfungen ausgesetzt werden wie die Prinzessin aus dem grausamen Märchen. In der Version des irakisch-schweizerischen Regisseurs Samir, preisgekrönt für seine Dokumentation „Forget Baghdad“, wird aus der Geschichte ein Konglomerat aus brachialer Läuterung, Melodram und Fashion-Shooting.

Webseite: stardust-filmverleih.de

CH 2005
Regie: Samir
Darsteller: Carlos Leal, Julie Fournier, Zoé Miku, Sunnyi Melles, Stefan Kurt
Format: 1 : 1,85
Länge: 113 Min
Verleih: Stardust
Kinostart: 3. Mai 2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ehe sie den Rap-Sänger Paco kennenlernt, lebt Nico (Julie Fournier) eine Dauerparty. Ob am Swimmingpool der väterlichen Vorstadtvilla oder in drogengeschwängerten Zürcher Edelclubs: Überall da ist es gut, wo sie mit ihrer besten Freundin Wanda (Zoé Miku) auf den Putz hauen, Klamotten und Autos vorführen, schwere Cocktails trinken oder Koks schnupfen kann. Ihre bleiche, dauermüde Mutter (Sunnyi Mellies), die „sich am wohlsten fühlt, wenn sie Probleme hat“ und ihr millionenschwerer, ständig geschäftsreisender Vater stören da kaum. Am anderen Ende der sozialen Leiter sieht es nicht viel anders aus. Auch Wandas einfache und warmherzige Eltern haben nicht die blasseste Ahnung davon, dass ihre geliebte Tochter nicht als Bankangestellte ihr Geld verdient, sondern sich von einem „Sponsor“ aushalten lässt. Zwanzigjährige Mädchen sind eben unberechenbar.

Seit  Nico aber den Arbeitersohn Paco (Carlos Leal) liebt, findet sie „die oberflächliche Welt voll scheiße“. Sie gibt ihrem angegrauten Liebhaber, dem Diskobesitzer Boris, den Laufpass, versaut durch einen launigen Nacktauftritt auch noch die von ihm organisierte Modenschau, sagt den Drogen Adé und widmet sich verstärkt ihren Schauspielambitionen in einer freien Theatergruppe (deren Leiter Stefan Kurt verkörpert). Aber die Vergangenheit holt sie in Form eines brutalen Dealers ein, der eine Kokain-Rechnung für das letzte Jahr nachreicht. Das Unheil nimmt in großen und immer absurderen Schritten seinen Lauf. Bis Nico wieder in der Drogensucht landet, sich als Prostituierte versucht und von allen guten Menschen und Geistern verlassen ihr Leben an die Wand fährt.

Trotz der großen Erschütterungen, die Nico durchleidet, bleibt ihr tragischer Werdegang, den sie selbst als Off-Erzählerin schildert, bis auf wenige Momente im luftleeren Raum des Kokain-Chics von Calvin Klein hängen. Vielleicht sollte hier das Prinzip der Telenovela variiert werden? Doch auch mit allen filmtechnischen Spielereien wahrt der Film nicht genügend Distanz zu seinen Klischees und Rohheiten, um als durchgestyltes Märchen zu überzeugen. Zwar sorgen Carlos Real, Gründer der Schweizer Rap-Band „Sens Unik“ (die mit einigen Songs vertreten ist) und bereits als Croupier in „Casino Royale“ auf der Leinwand, sowie die kurzen Auftritte von Stefan Kurt und Sunnyi Mellies für Eigenart und Qualität. Aber sie scheinen alle in jeweils anderen Filmen zu spielen und können das Joch des modischen Stylings nicht abschütteln, das Niveau eines Teenager-Fotoromans nicht überbieten.

Dorothee Tackmann

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Zürich. Eine der reichsten Städte der Welt. Dort lebt die junge Nico. Sie ist die Tochter eines begüterten Bankdirektors, der nie Zeit für seine Familie hat und dessen depressive Frau, Nicos Mutter, in ein Nebenhaus abgeschoben wurde. Nico kokst lieber, als dass sie lernt. Sie gibt lieber vor, ein wenig zu schauspielern, als dass sie arbeiten würde. Sie lernt Paco kennen, einen Rapper und Musiker, der sich von ganz unten hochgearbeitet hat und demnach von anderen Lebensanschauungen ausgeht als Nico. Das Mädchen liebt den Bandleader, doch der muss nach kurzer Zeit auf Tournee gehen. Wird Nico sich Paco anpassen? Wird sie seine Ideen vertreten, und wird sie wie er rebellieren – oder weiterleben wie bisher? Lange bleibt alles in der Schwebe. Die beiden reisen einander nach, treffen sich, lieben sich, streiten auch, trennen sich wieder. Der Unterschied zwischen Nico und Paco ist zu groß. Wie wird das enden?

Regisseur Samir hat nach eigenem Bekunden versucht, Spaß-Stimmung und Warnung vor Drogen, Romanze und Tragödie, Themen für reich und arm, für harte Arbeit und verschwenderischen Müßiggang zusammenzuführen. Der vielseitige, temporeiche Mix ist ihm künstlerisch passabel gelungen. Kein stilreines Kunstwerk, doch ein anregender, im  Aufeinanderprallen extrem unterschiedlicher Lebensformen durchaus nachvollziehbarer, auch unterhaltender, ein paar Mal knallharter, szenisch lebendiger Film, der neben dem Kinogenuss vor allem dem jugendlichen Publikum aufzeigen kann, in welche Tragödie Drogengenuss und Drogensucht führen können. 

Thomas Engel