Snowden

Er ist der Wut-Filmer von Hollywood: Von Vietnam bis zur Wall-Street, von „Nixon“ über Castro bis „J.F.K“ reicht das Spektrum von Oliver Stone. Zu seinem 70sten Geburtstag präsentiert das Schlachtross des politischen Kinos nun als zwanzigstes Werk ein Bio-Pic über Edward Snowden. Die Enthüllungen des Whistleblowers über die Abhörmethoden des US-Geheimdienstes NSA sorgten weltweit für Schlagzeilen. Für die einen ist er ein Verräter, für die anderen ein Held. Allemal der perfekte Stoff, aus dem provokante Polit-Thriller sind. Und diese Klaviatur beherrscht Stone bekanntlich bestens. So wurde "Snowden" sehenswerter, bilderstarker und spannungsreicher radikaler Aufklärungsunterricht der ambitionierten Art, der sein Publikum finden sollte!

Webseite: www.snowden-film.de

USA / D 2016
Regie: Oliver Stone
Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Melissa Leo, Nicolas Cage, Zachary Quinto, Tom Wilkinson, Rhys Ifans, Scott Eastwood, Joely Richardson
Filmlänge: 135 Minuten
Verleih: Universum Film
Kinostart: 22.9.2016
 

FILMKRITIK:

In Hollywood bekam der dreifache Oscar-Gewinner für seinen brisanten Polit-Thriller einen Korb. Ausgerechnet in Bayern erhielt Oliver Stone künstlerisches Asyl und Fördergeld für sein Bio-Pic über den Whistleblower Edward Snowden. Im Unterschied zu der oscarprämierten Dokumentation „Citizenfour“ geht es nicht nur um die aktuelle Momentaufnahme, vielmehr erzählt Stone von 2004 bis 2013 die Geschichte jenes jungen Mannes, der sich vom strammen Patrioten zum Verräter aus Gewissensgründen entwickelte. „I used to work for the government. Now I work for the public”, verkündete der Ex-Agent via Twitter.
 
Ursprünglich träumte Snowden davon, Soldat einer Eliteeinheit zu werden und in den Irak-Krieg zu ziehen. Dann bricht er sich während der knochenharten Ausbildung prompt beide Beine, die Kämpfer-Karriere geht abrupt zu Ende, bevor sie beginnt. Der moderne Kriegsschauplatz ist freilich überall. Darum heuert der gelernte Informatiker beim Geheimdienst an, um die bösen Buben auszuspähen. Snowden hat Talent und macht schnell Karriere. „Das nächste 9/11 ist euer Fehler. So wie das letzte unser Fehler gewesen ist“, tönt einer seiner Vorgesetzten. Dessen Absicht ist klar: Brutalstmögliche Sammlung aller verfügbarer Daten, und das weltweit. Den Gegenpol zur nimmersatten Datenkrake namens NSA erlebt Snowden bei seiner neuen Freundin Lindsay, die sich als überaus leidenschaftliche Vertreterin liberaler Werte erweist. Ihm selbst kommen freilich zunehmend Zweifel bei seiner Arbeit. „Ich lag falsch“, erkennt der idealistische Agent enttäuscht, als Hoffnungsträger Obama seine Geheimdienste eben nicht an die Kette legt und von Datenschutz und Privatsphäre nur noch wenig wissen will.
 
Je mehr Snowden erfährt, mit welchen umfassenden Methoden die NSA unfassbare Mengen an Daten sammelt, desto größer werden nicht nur die Zweifel an seiner Arbeit, sondern auch seine Gewissenskonflikte nehmen zu. „Terrorismus ist nur die Ausrede. Es geht um Kontrolle“, heißt es einmal im Film. Für dessen Helden wird zunehmend klar: Er muss diese Aktivitäten der staatlichen Schnüffler an die Öffentlichkeit bringen. Sein Einsatz ist enorm. Das Leben des 29-Jährigen hat sich radikal verändert. Doch auch für das politische System wird nichts mehr so sein wie zuvor.    
 
Stone erzählt seine Geschichte nicht chronologisch, sondern springt in der Zeitachse hin und her. Zum Auftakt inszeniert er das konspirative Treffen des Agenten mit der Dokumentarfilmregisseurin Laura Poitras sowie den investigativen Journalisten des britischen „Guardian“ im Mira-Hotel in Honkong. In verschiedenen Rückblenden wird danach die Vorgeschichte aufgerollt, durch die Snowden als Erzähler mit Voice-Over-Kommentar führt. Wer einen brav bebilderten Wikipedia-Eintrag erwartet, sieht sich glücklicherweise enttäuscht. Die Betriebsbesichtigung bei CIA und NSA sowie die Abhöraktivitäten und deren Verrat präsentiert Stone als suspensestarken Spionage-Thriller, der visuell einfallsreich und temporeich daherkommt.
 
Vor allem aber interessiert sich Stone für das Psychogramm jenes jungen Whistleblowers, der die politische Welt nachhaltig veränderte. „Handelte es sich um einen modernen Prometheus-Mythos von einem ganz normalen Mann, der der Menschheit eine neue Wahrheit zeigt und damit die NSA-Götter erzürnt?“, erläutert der Regie-Veteran seine Absichten. Mit Joseph Gordon-Levit hat er einen Hauptdarsteller gefunden, der den gebrochenen Helden mit überzeugender Wahrhaftigkeit verkörpert. Smart und dabei doch schrullig. Naiv und zugleich raffiniert. Vom Aussehen ein harmlos wirkender Milchbubi à la Mark Zuckerberg, dem wohl keiner zutraut, einmal die mächtigste Nation der Welt im Alleingang vorzuführen.
 
Nicht nur als Rebellen erweisen sich Snowden und Stone als Seelenverwandte, bei der Vorliebe für seltsame Methoden gibt es gleichfalls Ähnlichkeiten. Dem Whistleblower gelingt sein großer Coup mit einem kleinen Zauberwürfel. Dem Hollywood-Regisseur gelingt er mit der bayerischen Filmförderung.
 
Dieter Oßwald