Solange ich atme

Das bewegende Regiedebüt des Schauspielers Andy Serkin erzählt sensibel und mitreißend die Lebensgeschichte des an Kinderlähmung erkrankten Briten Robin Cavendish. Gleichzeitig ist das beeindruckend gespielte Plädoyer für den menschenwürdigen Umgang mit Behinderten auch die wahre Geschichte einer einzigartigen Liebe. Die brillanten Schauspieler, vor allem Hauptdarsteller Andrew Garfield und Golden Globe-Gewinnerin Claire Foy, als die Frau an seiner Seite, ziehen das Publikum virtuos in die Achterbahn der Gefühle.

Webseite: www.universumfilm.de

Großbritannien, 2017
Regie: Andy Serkis
Darsteller: Andrew Garfield, Claire Foy, Diana Rigg, Hugh Bonneville, Dean-Charles Chapman, Miranda Raison, Tom Hollander, Stephen Mangan, Ed Speleers
Länge: 117 Minuten
Verleih: Universum Film, SquareOne Entertainment
Kinostart: 19. April 2018

FILMKRITIK:

Ngong Hills, Sonnenuntergang in Kenia. Die Goldene Stunde als letztes Aufbäumen leuchtender Schönheit, die Sinne trunken macht. Cole Porters zeitlos, romantisches Liebeslied „True Love“ erklingt vom Plattenteller. Unbeschwert tanzt der lebenslustige britische Teebroker Robin Cavendish (Andrew Garfield) mit seiner jungen Frau Diana (Claire Foy) zu dem unvergleichlichen Evergreen. Ein poetischer Glücksmoment, der keine Sekunde kitschig wirkt. Der Zuschauer spürt diesem kostbaren Augenblick vor Licht durchfluteter Kulisse nach und taucht in eine ergreifende Gefühlswelt.
 
Aber die Idylle trügt. Das Schicksal schlägt unbarmherzig zu. Wenig später erkrankt der smarte, erfolgreiche Geschäftsmann. Nach einem Tennismatch fühlt er sich ausgelaugt und schlapp. Seine hochschwangere Frau ist beunruhigt. Doch er beschwichtigt sie. Noch in der Nacht bricht er kraftlos zusammen, kann nicht mehr selbst atmen. Diagnose: Polio. Durch eine Infektion ist er vom Hals abwärts gelähmt Ein Flugzeug bringt das Paar zurück nach London. Doch im England der 50er Jahre gibt es kaum eine Möglichkeit, die Symptome zu lindern. Der 28jährige scheint dazu verdammt den Rest seines Lebens ans Bett gefesselt in einem Krankenhaus zu verbringen.
 
„Durch Polio erkrankte Patienten leben nicht lang“, erklärt der Arzt Diana. Apathisch verbringt Robin die Tage in seinem Bett. Doch die junge, patente Frau gibt nicht auf. Sie schafft es, dass ihr Mann seinen Lebensmut zurückgewinnt. Und nicht nur das. Gemeinsam treffen sie eine revolutionäre Entscheidung. Gegen den Willen der Ärzte verlässt sie mit Robin das Krankenhaus und holt ihn nachhause. Er gewinnt seine Freiheit zurück, kann seinen kleinen Sohn Jonathan aufwachsen sehen.
 
Gemeinsam stellt sich die junge Familie jeglichen Einschränkungen in den Weg, inspiriert mit Lebenslust und Humor ihren Freundeskreis und macht für sich und viele andere das Leben wieder lebenswert. Zusammen mit seinem Freund Professor Teddy Hall (Hugh Bonneville) entwickelt Robin einen Rollstuhl, der es ihm erlaubt, sich mit seinem Atemgerät frei zu bewegen. So frei, dass sogar Ausflüge in einem umgebauten Bus und am Ende eine Reise nach Spanien möglich ist. Diese Freiheit wollen sie auch anderen Polio-Kranken zukommen lassen.
 
Menschen mit Behinderungen darzustellen sind nicht selten langwierige, strapaziöse Projekte, die monatelanges Training erfordern. Doch der vielseitige 34jährige „Spiderman“ Andrew Garfield („Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“) spielt fein und einfühlsam und lässt die Krankheit niemals zur Karikatur werden. Ihm gelingt großes Spiel mit minimalen Gesten. Allein durch das Muskelspiel im Gesicht verleiht er seiner Figur eine ganz eigene emotionale Tiefe. Sein Robin Cavendish ist ein sympathischer Balancekünstler, er strahlt enorme Vitalität aus, die Augen blitzen.
 
Im Gesicht hat er ein jugendliches Lachen. er macht die Seele sichtbar, die im Körper gefangen ist, die zähe Willenskraft, den spitzbübischen Humor.„Ich fühle mich zu Figuren hingezogen, die sich in extremen Stresssituationen befinden, damit ich besser verstehe, wozu wir überhaupt hier auf dieser Welt sind“, gesteht der amerikanisch-englische Darsteller. Gleichzeitig ist das berührende humanistische Drama auch das Porträt einer intensiven Liebesbeziehung, die allen Widrigkeiten trotzt und ihre Umgebung mit Humor, Courage und Lebensfreude verblüfft. Dass dabei die schwierigen Momente einer derartigen Beziehung nicht überstrapaziert werden, tut dem Ganzen keinen Abbruch.
 
Bei seinem engagierten Regiedebüt buhlt Andy Serkin nicht mit wackeliger Handkamera um Aufmerksamkeit. Der Schauspieler, er war Gollum, King Kong und spielte Caesar im „Planet der Affen“, entschied sich stattdessen vorbehaltlos für klassisches Erzählkinos, emotional packend und in prächtigem Cinemascope bebildert. Das auf wahren Begebenheit beruhende Drama ist zudem etwas ganz Besonderes: Filmproduzent Jonathan Cavendish widmete diese sehenswerte Hommage seinen Eltern. Das filmische Denkmal des inzwischen 58jährigen erzählt die Lebensgeschichte seines Vaters, der trotz seiner Poliokrankheit 64 Jahre alt wurde. Großes Gefühlskino, das nicht umsonst auf dem Züricher Filmfestival mit dem „Golden Eye Award“ für Andrew Garfield geehrt wird.
 
Luitgard Koch