Sommer in Wien

Tennisbälle ploppen, Zithermusik erklingt, es wird gehämmert und geschraubt – und dann liegen da auch noch zwei tote Karpfen in der Küche. Klingt ein bisschen nach Idyll, Geschäftigkeit und Chaos zugleich, beschreibt aber den Auftakt zu einem lohnenden Dokumentarfilm über eine Handvoll besonderer und ungewöhnlicher Menschen im 15. Wiener Bezirk. Walter Größbauer ist ihnen einen heißen Sommer lang gefolgt und hat authentische, unaufgeregte und unterhaltsame Begegnungen festgehalten.

Webseite: www.fortuna-media.com

Österreich 2015
Regie: Walter Größbauer
Dokumentarfilm
100 Minuten
Verleih: Fortuna Media
Kinostart: 31.3.2016
 

FILMKRITIK:

Der 15. Bezirk im Westen des Wiener Stadtzentrums gilt als Multikulti-Gebiet mit Entwicklungspotenzial in Richtung Kreativviertel. Zwar ist er statistisch gesehen noch der ärmste Bezirk der österreichischen Hauptstadt, für Neubauwohnungen im Dachgeschoss sollen Immobilienmakler aber durchaus schon Quadratmeterpreise bis zu 4500 Euro verlangt haben. Einer dieser Kreativen ist der Klavierbauer Bernhard Balas, der seit 2004 an der Ecke März-/Nobilestraße Saiteninstrumente baut und repariert und ganz gewiss als ungewöhnlicher Arbeitgeber eines aussterbenden Berufes bezeichnet werden kann. Statt Vorstellungsgepräch bat er einen seiner späteren Lehrlinge als erstes zum Mittagstisch in die Werkstattküche, in der der leidenschaftliche Hobbyangler Balas persönlich kochte und auftischte. Einmal sieht man ihn mit seinen Mitarbeitern für die Pausenjause auch Tische und Stühle auf den Bürgersteig stellen, was einen Passanten zur Frage verleitet, ob denn dafür auch eine Konzession vorliege.
 
Wien gilt als Stadt, die Künstler und Intellektuelle anzieht. Der Blick in den 15. Bezirk ist so gesehen nur ein kleiner Ausschnitt der sich in der Donaumetropole tummelnden Kreativen und Alternativen. Bei so manchem der von Walter Größbauer vorgestellten Protagonisten denkt man, er hätte auch prima in einen Film von Ulrich Seidl gepasst, was bitte aber nicht falsch zu verstehen ist. Um Perversionen und grenzwertige oder denkwürdige Hobbies geht es Größbauer nicht, sondern ganz einfach nur um besondere Menschen mit besonderen Begabungen, Engagements und Geschichten.
 
Der nicht mehr ganz junge Schriftsteller John Weiler, der sich über ein Dutzend verkaufter Bücher freut gehört ebenso dazu wie der ursprünglich aus Slowenien stammende Max mit einer Leidenschaft für das Sammeln von Sonnenschirme und Nähen historischer Kleidung. Die mit Antikmöbeln eingerichtete Wohnung teilt er sich mit dem Restaurator Niklas. Dann ist da Christin Alegra Gonzales, die früher einmal Christian hieß und zusammen mit der esoterischen Andrea eine Art „Mini-Woodstock meets Nachbarschaftsfest“ in einer Schrebergartensiedlung organisiert, was leider wegen unvorhersehbarer Komplikationen ein kräftiges Loch in die ohnehin schon klamme Kasse reißt. Ein typischer Grantler kommt zu Wort, eine Japanerin faltet mit Kindern Origami-Friedenskraniche, ein Besuch in Willys Tanzbar steht an, ebenso ein Stopp an einem Wiener Würstlstand, der damit wirbt, „kebabfreie Zone“ zu sein, was im 15. Bezirk mit seinen vom Balkan und der Türkei geürögten Lokalen keine Selbstverständlichkeit ist. Und weil es ja auch Sommer ist in Wien und heiß, geht’s für eine Abkühlung ins Gänsebad.
 
Zum Kinostart in Österreich Ende August 2015 prangten die Konterfeis der Protagonisten wie Politikerköpfe auf Wahlplakaten. Bernhard Balas etwa warb mit dem Spruch „Ich habe in 20 Jahren keinen großen Profit gemacht. Auch keinen kleinen.“ Was rüber kommt in diesem Stadtteilporträt sind die unterschiedlichen Lebensentwürfe der vorgestellten Menschen jenseits von Karriereleiter. Was steigt, ist allein das Thermometer – und es zwingt die Menschen auch, den Tag etwas langsamer anzugehen. Wenn mal was nicht so läuft, lassen sie sich nicht entmutigen, sondern gleichen dies mit Leidenschaft, Mut und Herzenswärme wieder aus.
 
Zwischengeschoben sind immer wieder auch kleine Musikstücke von einem Maurer, der sehr gut auch die Gitarre zu bedienen weiß und poetische Worte für die Stimmungen des Sommers („Die Stadt schwimmt im Schwitz“) im breitesten Wienerisch zum Besten gibt. Franz Josef Machatschek, so sein Name, ist selbstverständlich am Ende auch dabei, wenn sich die Protagonisten zum großen Finale in Bernhard Balas Werkstatt, die immer wieder auch als Kleinkunstbühne fungiert, einfinden. Sehr sympathisch, unaufgeregt, höchst authentisch – dieser Dokumentarfilm und die darin auftretenden Menschen. Oder um es mit dem Reimpoeten Machatschek zu sagen: „I schmüz dahin.“
 
Thomas Volkmann