Sonita

Ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan, dass in Iran lebt und Musikerin werden will. Im Ansatz ist „Sonita“, ein Film der iranischen Regisseurin Rokhsareh Ghaem Maghami, wenig bemerkenswert. Doch mit einem Satz ändert sich alles, wird die Regisseurin aus der Rolle der neutral Beobachtenden gerissen und zur aktiv Beteiligten, was vielfältige Fragen über die Ethik des Dokumentarfilms aufwirft.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Schweiz/ Deutschland/ Iran 2015
Regie: Rokhsareh Ghaem Maghami
Dokumentation
Länge: 90 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 26. Mai 2016
 

FILMKRITIK:

Sonita ist 18 Jahre, stammt aus Herat in Afghanistan und lebt seit langem in der iranischen Hauptstadt Teheran. Einen Pass hat sie nicht, sonstige Papiere ebenso wenig, sie ist staatenlos und eher geduldet als erwünscht. Zusammen mit ihrer älteren Schwester und einer Nichte lebt sie in ärmlichen Verhältnissen, wird von einer Hilfsorganisation unterstützt und geht ihrer großen Leidenschaft nach: Der Rapmusik.

Dass dies im Iran verboten ist überrascht wenig, doch Sonita ist schon zu Beginn des nach ihr benannten Films selbstbewusst genug, um sich von solchen Regeln nicht einschüchtern zu lassen. Viel schwerer wiegt ohnehin ein anderes Menetekel: Die drohende Zwangsheirat, mit der sie ihre Mutter bei einem Besuch konfrontiert. 9000 Dollar soll sie einbringen, die dringend benötigt werden, damit Sonitas Bruder heiraten kann. Dieses Schicksal bedrückt nun auch Sonita, einen Ausweg scheint es nicht zu geben, doch dann stellt sie die Frage, die alles ändert: „Willst du mich kaufen?“ fragt sie die Regisseurin, die noch hinter der Kamera sitzt, durch die Nähe zu Sonita, durch die offensichtliche Beziehung, die sich zwischen der jüngeren und der älteren Frau entwickelt hat, aber längst nicht mehr eine unbeteiligte Beobachterin ist. „Ich bin hier, um die Realität zu filmen“, sagt sie noch, ignorierend, dass sie längst Teil der Realität geworden ist, die sie filmt. Denn was fortan in „Sonita“ zu sehen ist, wäre ohne den Film nie passiert: Sonita nimmt einen Song auf, stellt ihn ins Internet, bekommt Zuspruch und durch die Vermittlung von Maghami ein Stipendium in Amerika.

Eine bemerkenswerte Geschichte, die „Sonita“ über seine eher konventionelle Machart hinaus interessant macht. Denn verblüffenderweise reflektiert Maghami ihre Rolle in der Geschichte nicht. Auch wenn sie zunehmend selbst im Bild auftaucht, auch mal ein Tonmann sich in ein Gespräch einmischt, die Grenzen zwischen Subjekt und Filmcrew zunehmend durchlässiger werden, die aus Sicht einer Dokumentarfilmerin offensichtlich problematische Ethik dieses Handelns thematisiert der Film nicht.
Dabei sind die sich aus dieser Situation ergebenden Fragen faszinierend: Wie distanziert muss oder darf eine Filmcrew sich Verhalten, gerade wenn sie Missstände dokumentiert oder gar Zeuge von Verbrechen wird? Wann ist ein Eingreifen aus humanitären, moralischen Gründen geradezu zwingend, wann macht man sich mit der dokumentarischen Neutralität praktisch strafbar? Die Illusion des unbeteiligten Beobachters, die das Cinema Verite oder das Direct Cinema in den 60er Jahren aufgestellt hatten ist zwar längst in Frage gestellt. Viel erfolgreicher sind heutzutage ohnehin dezidiert subjektive Filme à la Michael Moore oder geschriebene Dokumentationen, die nicht mehr offen auf die Welt blicken, sondern nur noch Bilder suchen, um eine feststehende Weltsicht zu bebildern. Da ist der Schritt zum aktiven Eingreifen in die Geschichte, wie es Rokhsareh Ghaem Maghami hier betreibt nicht mehr weit.

Ganz ohne Frage mit einem Ergebnis, das zu begrüßen ist: Denn wenn sie Sonita nicht unterstützt und ihr die Emigration nach Amerika ermöglicht hätte, wäre Sonita jetzt vermutlich zurück in Afghanistan, zwangsverheiratet und nicht mehr in der Lage, Musik zu machen. Auch wenn Maghami dieses aktive Eingreifen in ihr Sujet, das sie eigentlich möglichst objektiv dokumentieren wollte, nicht selbst reflektiert, macht gerade dieser Aspekt „Sonita“ zu so einem spannenden Film, der Fragen aufwirft, die weit über sein Sujet hinausreichen.
 
Michael Meyns