Southpaw

Kaum eine Sportart eignet sich so sehr für dramatische, pathetische Geschichten wie das Boxen. So wie einst Sylvester Stallone und Robert De Niro als Rocky bzw. der wilde Stier ist es nun Jake Gyllenhaal, der in „Southpaw“ einen Boxer spielt, der Höhen und Tiefen erlebt: im Sport, aber vor allem im Leben. Subtil ist die religiös überhöhte Geschichte zwar nicht, aber ein oft kraftvoller Film.

Webseite: www.southpaw.de

USA 2015
Regie: Antoine Fuqua
Buch: Kurt Sutter
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Rachel McAdams, Forest Whitaker, Naomi Harris, Curtis Jackson, Oona Laurence
Länge: 123 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 20. August 2015

FILMKRITIK:

Billy Hope (Jake Gyllenhaal) wuchs einst in den Waisenhäusern von Hell’s Kitchen auf (wie gesagt „Southpaw“ bemüht sich nicht um Subtilität…) kämpfte sich aber nicht zuletzt dank der Liebe seiner Jugendfreundin Maureen (Rachel McAdams) bis ganz nach oben: Er ist Boxweltmeister aller Klassen, verdient Millionen, lebt in einem mondänen Haus und hat mit Leila (Oona Laurence) eine entzückende Tochter. So sehr er jedoch seiner Vergangenheit entkommen ist: Im Herzen ist er noch ein Junge von der Straße. Unsicher, wenig redegewandt und vor allem jähzornig. Und dieser Jähzorn ist es, der einen Streit mit einem rivalisierenden Boxer heraufbeschwört, bei dem schließlich ein Schuss fällt und Maureen Tod zurückbleibt.

Voller Verzweiflung und in zunehmender Geldnot nimmt Billy die Gelegenheit zu einem Kampf an, in dem er kläglich versagt und am Ende ausrastet. Die Folgen sind extrem: Nicht nur seine Frau hat er nun verloren, auch seine Tochter wird vorübergehend in ein Heim gesteckt, das Haus und all sein Besitz gepfändet. Billy muss wieder ganz unten anfangen, lebt in einer Absteige und findet schließlich in dem unkonventionellen Tick Wills (Forest Whitaker) einen neuen Trainer. Der hat zwar seine Zweifel am Willen Billys, sich zu verändern, doch zurück auf den Straßen seiner Kindheit, besinnt sich Billy schließlich auf das Wesentliche.

Letztes Jahr war Jake Gyllenhaal in „Nightcrawler“ zu sehen, für den er bis zur Hagerkeit abgemagert war. Direkt danach ging er den umgekehrten Weg und baute seinen Körper zur Muskelbepackten Kampfmaschine auf, um als Boxer zu überzeugen – und im besten Fall die Oscar-Jury zu beeindrucken. Doch es sind weniger die Boxszenen, die beeindrucken, als die privaten Momente, in denen Billy Hope nach dem Tod seiner Frau zum ersten Mal in seinem Leben eigene Entscheidungen treffen muss. Bislang waren es immer seine Frau und sein windiger Manager Jordan (Curtis Jackson) gewesen, die bestimmten, wo es für Billy langging. Nun ist er mit sich und seiner Tochter allein, eine Tochter, die trotz ihrer erst zehn Jahre oft reifer wirkt als Billy.
Weniger für sich als für die Liebe seiner Tochter kämpft Billy fortan, bleiben die Boxszenen eher Nebensache eines Plädoyers für Familie und klassische Werte. Die jedoch in einem Maße mit christlicher Ikonographie durchzogen ist, die fast absurd anmutet. Der geschundene, blutende Körper eines Boxers, der gern in Kreuzigungspose in den Seilen hängt ist natürlich ein offensichtliches Motiv, das schon Martin Scorsese in „Wie ein wilder Bild“ bediente. Noch mehr als in diesem vielleicht besten Boxfilm aller Zeiten inszeniert nun Antoine Fuqua den Körper Jake Gyllenhaals zur von Tätowierungen und Wunden übersäten Christusfigur.

Die Wüste, durch die Billy auf seinem Weg zum Licht gehen muss ist hier eine harmlose Rückkehr in die Gefilde seiner Jugend, deren Härte vor allem behauptet wird. Arg schematisch entwickelt sich die Geschichte entlang der bekannten Boxfilm-Motiven, es gibt mit aufpeitschender Musik unterlegte Montagen vom Training, aufbauende, emotionale Motivationsreden des Trainers, leicht bekleidete Nummergirls und geldgierige Promoter. Dass „Southpaw“ bei all diesen Klischees im Kern eine anrührende Vater-Tochter-Geschichte erzählt geht in all dem Blut, Schweiß und Pathos bisweilen unter, ist aber der interessanteste Aspekt eines ebenso professionellen wie unsubtilen Boxfilms.
 
Michael Meyns