Soy Nero

In seiner Kriegsgroteske hinterfragt der iranische Regisseur Rafi Pitts die Problematik von Grenzen, Migration und Nationalität. Sein Einwandererdrama rückt die Situation der Green-Card-Soldaten in den Mittelpunkt. Sie bezahlen ihre US-Staatsbürgerschaft in der Hölle des Krieges zum Teil mit dem Tod. Noch nie wurde ein Film über diese Männer und Frauen gedreht, die ihr Leben für ein Vaterland riskieren, das sie eigentlich nicht will. In langen, spröden Einstellungen begleitet Pitts das grausame Schicksal des jungen Mexikaners Nero. Es basiert auf  Erlebnissen von Daniel Torres, der im Irakkrieg diente und danach wieder nach Tijuana deportiert wurde.

Webseite: www.neuevisionen.de

Deutschland, Frankreich, Mexico 2016
Regie: Rafi Pitts
Drehbuch: Razuvan Radulescu, Rafi Pitts
Darsteller: Johnny Ortiz, Rory Cochrane, Aml Ameen, Drarrell Britt-Gibson, Ian Casselberry, Rosa Frausto, Khleo Thomas, Alex Frost, Michael Harney.
Länge: 118 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 24. November 2016
 

FILMKRITIK:

„Meine Mutter ist Iranerin, mein Vater Brite, mein Stiefvater Franzose“, sagt Regisseur Rafi Pitts. Schon allein deshalb interessierten den Exilkosmopoliten Themen wie Grenzen, Heimat und Identität. Nach seinen im Iran entstandenen Filmen, der Elegie „It’s Winter“ und dem Rachedrama „Zeit des Zorns“ beleuchtet seine auf wenige Figuren fokussierte Kriegsgroteske mit langen, spröden Einstellungen die grausame Situation der Green Card Soldaten. Sie gehen zur Armee, weil sie dann Chancen auf die amerikanische Staatsbürgerschaft haben.

Bereits im Vietnamkrieg kämpften sie für die seltsame, westliche Freiheit. Ihre US-Staatsbürgerschaft bezahlen sie in der Hölle des Kriegs nicht selten mit dem Tod. Doch noch nie wurde ein Film über sie gedreht. Pitts erhellendes Einwandererdrama basiert auf den  Erlebnissen des Mexikaners Daniel Torres, der im Irakkrieg diente und danach wieder nach Tijuana deportiert wurde. Er beriet den Regisseur bei seinem Projekt über den geplatzten „Amerikanischen Traum“ und dem menschlichen Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Der 19jährige Nero (Johnny Ortiz), rennt im nächtlichen Schatten des amerikanisch-mexikanisch-Grenzzauns um sein Leben. Hubschrauber kreisen über ihn. Tags davor spielte er noch mit den Grenzsoldaten Volleyball. Der Zaun diente ihnen als Netz. Jetzt will er nach Los Angeles zu seinem Bruder Jesus (Ian Casselberry). Es gelingt ihm. Per Anhalter macht er sich auf ins scheinbare Paradies. Und landet mit viel Glück in einer mondänen Villa in Beverly Hills. Geblendet vom Luxus traut er seinen Augen kaum. Doch der Schein trügt. Sein Bruder ist dort nur ein illegaler, rechtloser Hausangestellter. Jesus gibt ihm zumindest seinen gefälschten Papiere. Von seiner Idee sich zur Armee zu melden kann er ihn nicht abbringen.

Nero will eine bessere, legale Zukunft. Und so findet er sich als US-Soldat mit vier weiteren Soldaten an einem gottverlassenen Checkpoint irgendwo in einer Wüste im Mittleren Osten wieder. Und erneut steht er an einer Grenze. Diesmal ist er es, der sie bewacht. Wieder kreisen Hubschrauber über ihm. Doch die Hitze gepaart mit Angst und Langeweile zerrt an den Nerven und macht alle verrückt. Die beiden schwarzen Soldaten streiten unentwegt über den Rap der Ost- und Westküste. Auch sie erhoffen sich durch den Kriegsdienst eine bessere Zukunft, die sie durch Immigranten wie Nero, der sich nun Jesus nennt, bedroht sehen. Und am Ende flieht Nero erneut, um sein Leben zu retten.

Schwer auszuhalten sind die harten Bilder vom sinnlosen Töten in der Wüste. Der Regisseur lässt nichts von der irrwitzigen und brutalen Realität aus. Auch die Dialoge des alltäglichen Rassismus in der Armee treffen. Etwas zu lange schwelgt die Kamera freilich im Luxus der Wenigen, die sich den „Amerikanischen Traum“ leisten können. Doch damit zeigt Pitts auch wie weit entfernt die US-Realität von diesem scheinbaren Paradies für das Gros der Bürger ist. Und schlussendlich will der preisgekrönte Filmemacher auch darauf hinweisen, dass die USA selbst ein Land von Immigranten ist. Die Indianer, die einzigen, wirklichen Amerikaner, wurden machtlos an den Rand gedrängt. 

Luitgard Koch