Space Dogs

Ebenso faszinierend wie ungewöhnlich: Das Schicksal der Hündin Laika, die als erstes Lebewesen mit einer Rakete in den Weltraum geschossen wurde, wird zum Fundament für eine visuell anspruchsvolle und interessante Konstruktion von Geschichten über das Verhältnis von Mensch und Hund – und so zu einer generellen Auseinandersetzung zu Fragen von Moral und Ethik. Dabei spielen Moskauer Straßenhunde eine ganz besondere Rolle.

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Dokumentarfilm
Österreich, Deutschland
Regie: Elsa Kremser, Levin Peter
Kamera: Yunus Roy Imer
Musik: John Gürteler & Jan Miserre
91 Minuten
Verleih: Real Fiction
Start: 24. September 2020

FILMKRITIK:

Laika, der erste Hund im Weltraum, wurde unsterblich. Ihr Name ist bis heute bekannt, ihr grausames Schicksal weniger: Sie verhungerte und verdurstete in der Raumkapsel auf der Umlaufbahn, bis ihr toter Körper schließlich beim Rücksturz zur Erde verglühte. Tatsächlich aber, so heißt es in Russland, lebt Laikas Geist weiter, und zwar in den Seelen aller streunenden Hunde auf Moskaus Straßen.

Die ungewöhnliche These bildet den Ausgangspunkt für einen Dokumentarfilm, der sowohl formal und visuell als auch inhaltlich begeistert – als filmisches Kunstwerk, das lange nachwirkt. Die Atmosphäre ist zwischendurch beinahe träumerisch, wobei unklar ist, ob es sich um einen Alptraum handelt. Ungefähr wie in einem Märchen, bei dem von Minute zu Minute deutlicher wird, dass es doch um Realität geht. Ein Beinahe-Schwebezustand wird erzeugt, unterstützt von den leicht spacigen Klängen des Soundtracks und begleitet von der schönen, klaren Stimme des russischen Schauspielers Alexey Serebryakov. Elsa Kremser und Levin Peter verknüpfen die Geschichte Laikas mit Bildern von den Anfängen der sowjetischen Raumfahrt und insbesondere mit dem Alltag von Straßenhunden im heutigen Moskau. Dabei werden die Hunde in eindrucksvoller Weise von der Kamera begleitet. In Hundeaugenhöhe verfolgt sie den Weg der hungrigen Streuner, ihre Kämpfe um Nahrung oder Schlafplätze und gegen Rivalen.

Für die Bildgestaltung zeichnet Yunus Roy Imer verantwortlich, ein offenbar ebenso inspirierter wie erfindungsreicher Kameramann, der eine spezielle Halterung erdacht hat, die dafür sorgt, dass der Zuschauer die Stadt gemeinsam mit den Hunden erforscht. Auf diese Weise ist das Publikum sozusagen mittendrin statt nur dabei, wenn die streunenden Mischlingshunde durch die Straßen stromern.

Gegen die manchmal beinahe postapokalyptisch wirkenden Bilder der Straßenhunde, in denen die Menschen lediglich Komparsenrollen übernehmen, setzen Elsa Kremser und Levin Peter alte Original-Filmaufnahmen aus den 50er Jahren, darunter viele bisher vollkommen unbekannte Archivbilder. Sie zeigen die ersten Experimente mit Tieren in der Raumfahrt. Was heute als grausamer Eingriff in die körperliche und seelische Gesundheit von Tieren angesehen wird, war damals gang und gäbe: Schon die Vorbereitung auf den Weltraumflug war verbunden mit Schmerzen und Qualen. Manche dieser Bilder sind nur schwer zu ertragen. Dabei steht der Wertewandel gar nicht im Vordergrund, sondern generell das Verhältnis Mensch und Hund – auf der einen Seite Gehorsam und Vertrauen, auf der anderen Seite Unterdrückung und Gewalt bis zum Mord. Interessant sind auch die Versuche, aus Laikas Beliebtheit Kapital zu schlagen: Eine durchaus einfallsreiche Propagandamaschinerie macht aus der Hündin eine Heldin. Unersättlich ist der Mensch in seinem Wunsch, die Erde zu beherrschen. Er benutzt seine Welt, voller Gier, alles nach seinem Wunsch zu gestalten, rücksichtslos auf den eigenen Vorteil bedacht. Dagegen setzen Elsa Kremser und Levin Peter ihre Bilder von den scheinbar lässigen Straßenhunden, die tatsächlich manchmal so aussehen, als wüssten sie, was damals mit Laika geschehen ist.

Gaby Sikorski