Spirit Berlin

Ein junger Mann begibt sich auf die Suche nach sich selbst und bedient sich am Überfluss spiritueller Angebote Berlins. In ihrem Dokumentarfilm „Spirit Berlin“ gibt Kordula Hildebrandt tiefe Einblicke in verschiedene Glaubens- und Lebensformen und lädt den Zuschauer selbst zu einer spirituellen Reise ein.

Webseite: www.spiritberlinfilm.de

Deutschland, 2013
Regie: Kordula Hildebrandt
Filmlänge: 84 min.
Verleih: Kinostar
Kinostart: September 2014

FILMKRITIK:

Berlin ist weltweit für seine kunterbunte kulturelle Mischung bekannt. Menschen unterschiedlichster Herkunft, Gesinnungen und Religionen machen die deutsche Hauptstadt nicht nur zu einem bunten, sondern auch zu einem kreativen Ort. Der Filmtitel „Spirit Berlin“ ist insofern mehrdeutig, als dass er sowohl diesen Geist der Metropole einfangen als auch eine spirituelle Reise darstellen möchte.

In Zentrum steht der junge Schauspieler Stephan, den es nach spiritueller Selbsterfahrung und Entfaltung dürstet. Im reichhaltigen Angebot der Hauptstadt an religiösen Gemeinschaften, Heilern und geistigen Lehrern hangelt er sich von Workshop zu Workshop. Recht früh auf seiner Reise macht er in einem Yoga-Kurs die Bekanntschaft von Simone, die ihn auf seinem weiteren Weg begleitet. Doch kann Stephan in dieser Vielfalt von spirituellen Möglichkeiten wirklich zu innerer Ruhe finden?

Filmemacherin Kordula Hildebrandt nimmt ihr Thema ernst. Ihr geht es nicht darum, die spirituelle Suche ihres Protagnisten ins Lächerliche zu ziehen und damit das Kinopublikum zu unterhalten. Vielmehr begegnet sie sowohl Stephan als auch allen seinen Gesprächspartnern mit großem Respekt. Manche Szenen mögen auf Grund ihrer Fremdartigkeit zwar zum Schmunzeln oder gar Lachen motivieren, doch ist die Ursache dieser Komik in den meisten Fällen im Zuschauer und nicht in der Inszenierung selbst zu finden. Etwas inkonsistent wirkt in diesem Zusammenhang die Wahl der Hauptfigur, besitzt Schauspieler Stephan doch eine durchaus komödiantische Aura und entwickelt nur wenig Authentizität. So interessant auch die Menschen sind, die ihm auf seiner Reise begegnen, Stephan selbst bleibt eine schwer zugängliche Figur, deren spirituelle Entwicklung kaum nachzuempfinden ist.

„Spirit Berlin“ begleitet Stephan von einem Workshop zum nächsten, in verschiedene Lebensgemeinschaften und religiöse Zentren. Der Protagonist fungiert dabei als Stellvertreter für die Dokumentarfilmerin, die selbst niemals in Erscheinung tritt. An ihrer statt führt Stephan Gespräche mit den Vertretern der einzelnen Disziplinen und Glaubenssysteme. Die Einblicke in das spirituelle Erleben der verschiedenen Menschen sind sehr intim, so dass sich der sensible Betrachter vielleicht gar als Eindringling in eine private Sphäre fühlen wird. Die Nähe, die Kordula Hildebrandt zu ihren Protagonisten herstellen kann, ist wahrlich beachtlich. Umso erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet Stephan dem Zuschauer so fremd bleibt. Im Gegensatz zu zahlreichen geistigen Leitfiguren, die in kurzen Interviewsequenzen zu Wort kommen, spricht Stephan niemals direkt in die Kamera. Wann immer er seine Erfahrungen kommentiert, tritt er lediglich in der Form eines Voice Overs auf und behält somit eine gewisse Distanz zum Zuschauer. 

Kordula Hildebrandt bietet dem spirituell interessierten Zuschauer mannigfaltige Einblicke in mögliche Lebens- und Glaubensformen: Von Yoga über das Leben im Ashram bis hin zu tantrischen Ritualen.  Der Nachteil dieser Vielfalt ist die Unmöglichkeit, jede einzelne von Stephans Stationen näher zu betrachten, wodurch interessante Figuren wie beispielsweise ein Körpermedium unerklärt bleiben. In gewisser Weise überlässt es Hildebrandt dem Zuschauer, sich in Reaktion auf den Film eingehender mit eben jenen Themen zu beschäftigen, die seine Seele am stärksten berührt haben. „Spirit Berlin“ ist also auch in sich eine spirituelle Erfahrung, der man mit Offenheit begegnen muss, um sie zu genießen und somit ein Film mit einem recht begrenzten Zielpublikum.
 
Sophie Charlotte Rieger