Spotlight

Anfang 2002 begann der Boston Globe mit der Veröffentlichung einer aufsehenerregenden Serie von Artikeln, die jahrzehntelangen Kindesmissbrauch und dessen Vertuschung innerhalb der katholischen Kirche beschrieb. In seinem Oscar-Favoriten "Spotlight" zeichnet Tom McCarthy die Recherchen der Journalisten in Form eines stilistisch zurückgenommenen Doku-Dramas penibel nach.

Webseite: www.paramountpictures.de

USA 2015
Regie: Tom McCarthy
Buch: Tom McCarthy & Josh Singer
Darsteller: Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams, Liev Schreiber, Stanley Tucci, Billy Crudup, Brian D’Arcy James
Länge: 128 Minuten
Verleih: Paramount
Kinostart: 25. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

Im Juli 2011 begannen Journalisten des Boston Globe, einer der größten Tageszeitungen der USA, mit Recherchen in einem heiklen Fall: Mutmaßlicher Kindesmissbrauch innerhalb der Katholischen Kirche war der Verdacht, den das von Walter Robinson (Michael Keaton) geleitete Team um Mike Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matt Carroll (Brian D’Arcy James) bald bestätigt fand. Unterstützt von ihrem Chefredakteur Marty Baron (Liev Schreiber) setzte das Team seine Recherchen fort und stieß auf immer neue Hinweise: Dutzende Priester hatten Kinder missbraucht und waren jahrelang von der Kirche geschützt worden.

Besonders heikel waren die Veröffentlichungen dadurch, dass Boston eine der konservativsten Städte der USA ist, in der die Katholische Kirche in allen Bereichen der Gesellschaft involviert ist. Angesichts der Ausmaße der Enthüllungen sah sich der Boston Globe zunächst massiver Proteste ausgesetzt, bevor die Stimmung sich drehte, der Kardinal der Stadt zurücktrat und die Journalisten mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurden.

Den Verlauf der Recherchen beschreibt Tom McCarthy in betont zurückhaltender Weise, die sich jeglicher Abschweifungen enthält. Erzählerisch erinnert "Spotlight" dadurch an beliebige Doku-Dramen, zumal McCarthy auch stilistisch betont einfache Lösungen wählt und die zahlreichen Dialogszenen in einfache Schuss-Gegenschuss-Sequenzen auflöst.

Über zwei Stunden sieht man also Journalisten bei der Arbeit zu, sieht sie recherchieren, in Archiven graben, Interviews führen und Texte schreiben. Angesichts der schier unglaublichen Ausmaße des Missbrauchsskandals, der jahrelangen Vertuschungen seitens der Kirche hat "Spotlight" fraglos eine immanente Faszination. Durch seinen bewusst reduzierten Blick, seine Beschränkung auf die reinen Fakten, sein penibles Nacherzählen verzichtet McCarthy jedoch auf die Möglichkeit, mehr zu sein, als ein Doku-Drama.

Zwangsläufig weckt "Spotlight" Vergleiche zu den legendären Paranoia-Thrillern der 70er Jahre, zum Watergate-Film "Die Unbestechlichen", "Die Drei Tage des Condors" oder "Zeuge einer Verschwörung". Was diese Filme, ebenso wie neuere Vertreter des Genres wie Michael Manns "The Insider" oder erst Anfang des Jahres Christoph Hochhäuslers "Die Lügen der Sieger" zu mehr machten, als bloßen Nacherzählen von Fakten, war die Überhöhung ihres Sujets. Um von den bloßen Fakten einer journalistischen Recherche zu erfahren reicht ein Blick auf eine Wikipedia-Seite, was das Kino jedoch kann, ist eine spezielle Geschichte künstlerisch zu überhöhen, um das Universelle herauszuarbeiten.

Man kann noch nicht einmal behaupten, dass "Spotlight" an diesem Versuch scheitert – Er strebt es gar nicht erst an. Seine Figuren sind keine komplexen Charaktere, die im Zuge ihrer Recherchen mit Abgründen konfrontiert werden oder an die Grenzen dessen stoßen, was journalistische Wahrheit überhaupt ist, sondern bloße Chiffren. Voller Emphase sieht man etwa Rachel McAdams immer wieder in ihren Notizblock kritzeln oder Mark Ruffalo erregte Telefonate führen, in bloßer Nachahmung journalistischer Posen. Was diese Figuren antreibt bleibt im Dunkeln, "Spotlight" ist nicht an ihnen interessiert, sondern ausschließlich an den Fakten der Geschichte. Dass ist nicht per se schlecht, zumal die Geschichte so skandalös ist wie diese, durch die freiwillige Reduzierung seines Anspruchs bleibt "Spotlight" am Ende dadurch aber nicht mehr als die penible Nacherzählung einer Recherche.
 
Michael Meyns