Spuren – Die Opfer des NSU

Der NSU-Prozess ging im Jahr 2018 zu Ende – das Ergebnis war für die Hinterbliebenen nicht wirklich befriedigend, war von der lückenlosen Aufklärung, die einige Jahre zuvor versprochen worden ist, doch nicht viel zu sehen. In all den Jahren befassten sich die Medien vor allem mit den Tätern. Die Opfer schienen vergessen. Aysun Bademsoy störte sich zu Recht daran und stellt die Opfer in ihrem Dokumentarfilm in den Mittelpunkt. Sie spricht mit ihnen, um herauszufinden, wie ihr Leben Jahre nach den Morden an ihren Angehörigen aussieht.

Webseite: www.salzgeber.de

Deutschland 2019
Regie + Buch: Aysun Bademsoy
Länge: 81 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 13. Februar 2020

FILMKRITIK:

Wie lebt man in einem Land, in dem Väter, Ehemänner und Brüder rechtsextremem Terror zum Opfer fielen? Verlässt man es, kehrt man in die alte Heimat zurück, oder trotzt man diesem Impuls und macht erst recht weiter? Hat man überhaupt eine Wahl, wenn man als Kind in diesem Land geboren und aufgewachsen ist? Fragen, die Aysun Bademsoy nicht stellt, die aber beantwortet werden. Der Umgang mit den Opfern ist sensibel und behutsam. Es gibt Momente, in denen Schweigen mehr sagt als es jedes gesprochene Wort könnte.
 
„Spuren – Die Opfer des NSU“ ist ein eindrucksvoller, ein wichtiger Dokumentarfilm, der den Opfern eine Stimme gibt. Er zeugt von ihrem Unverständnis, aber auch ihrer Wut, weil die Ermittlungen der Behörden damals einseitig geführt wurden und darauf abgezielt haben, den Opfern eine Schuld an ihrem eigenen Ableben zu geben. Er zeigt aber auch, wie wenig Aufklärung ein fünf Jahre währender Prozess gebracht hat und wie die Hinterbliebenen damit zurechtkommen. Für die einen sind zu viele Fragen offen, für die anderen brachte der Prozess ein gewisses Maß an Frieden. Allen gemein ist jedoch ein Schmerz, der niemals vergeht.
 
Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es, aber der Schmerz bleibt zurück. Er ist ein ewiger Begleiter, wie die Frau eines der Ermordeten erklärt. Er kommt mit einer Dunkelheit einher, die sich über das Leben legte und niemals wieder ganz wegging. Weil die Art, wie der Mann gestorben ist, eine ist, mit der man nur schwer seinen Frieden schließen kann. Wäre es eine Krankheit oder ein Unfall gewesen, der ihn aus dem Leben gerissen hätte, hätten die Angehörigen es leichter verkraften können.
 
Der Titel des Films ist schlau gewählt. Spuren sind es, denen Ermittler folgen, die über all die Jahre auf gänzlich falscher Fährte waren, Spuren haben aber auch die Leben der Opfer hinterlassen, die in den Erinnerungen ihrer Angehörigen noch immer lebendig sind. Dieser Film lässt daran teilhaben und erinnert machtvoll daran, dass die mediale Beschäftigung nur zu oft den Tätern gilt, die Opfer aber einfach vergessen werden.
 
Peter Osteried