Stage Mother

Ein Feel Good Movie im besten Sinne des Wortes ist Thom Fitzgeralds Dramödie „Stage Mother“, in dem eine alternde Südstaaten-Dame die Drag-Bar ihres schwulen, verstorbenen Sohnes erbt. Vorurteile und Hindernisse sind spätestens eine Szene später überwunden, doch dem Charme des unverfroren sentimentalen Unterfangens kann man sich nur schwer entziehen.

Website: www.kinostar.com/filmverleih/stage-mother/

Kanada 2019
Regie: Thom Fitzgerald
Buch: Brad Henning
Darsteller: Jacki Weaver, Lucy Liu, Adrian Grenier, Calem MacDonald, Mya Taylor, Anthony Skordi
Länge: 93 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: 20. August 2020

FILMKRITIK:

Auf einer Bühne der Drag-Bar „Pandora’s Box“ in San Francisco bricht Jackie zusammen. Lange Jahre des exzessiven Alkohol und Drogen Konsums fordern ihren Tribut, aber auch die Trennung von seiner Familie dürfte ihren Teil beigetragen haben. Denn im tiefen Süden der USA haben sich Jackies Eltern Maybelline (Jackie Weaver) und Jeb (Hugh Thompson) von ihrem einzigen Kind losgesagt: In ihrer konservativen Welt hatte Jackie keinen Platz.

Gegen den Willen ihres Mannes fährt Maybelline nach San Francisco, um ihrem Sohn zumindest am Grab noch einmal nahe zu sein, doch aus der kurzen Reise wird eine Mission. Als Maybelline erfährt, dass die Bar ihres Sohnes in Schwierigkeiten steckt, nimmt die kleine, aber resolute Südstaaten-Dame kurzerhand das Heft in die Hand. Gegen den anfänglichen Widerstand von Jackies Lebensgefährten Nathan (Adrian Grenier) wird die Bar renoviert, die Drag Queens mit so klingenden Namen wie Cherry Poppins, Joan of Arkansas oder Tequila Mockingbird singen zukünftig selber und auch ein neuer Mann tritt in Jackies Leben. Das sie als Leiterin des heimischen Kirchenchors Erfahrung mit flatterhaften, hochtoupierten Diven besitzt, kommt Jackie in ihrer neuen Funktion sehr gelegen.

Drag-Bars sind zwar längst aus den beliebtesten Gegenden San Franciscos weggentrifiziert worden, aber das macht nichts, zum einen, weil Thom Fitzgeralds Dramödie ohnehin nicht vor Ort sondern in Kanada gedreht wurde, zum anderen, weil „Stage Mother“ kein Film ist, den man an seinem Realismus messen sollte. Mit schier atemberaubender Geschwindigkeit werden hier Brücken gebaut, tiefsitzende Konflikte überwunden, langjährige Streitigkeiten beigelegt. Fast wie eine Soap Opera mutet das bisweilen an, was am Ende aber vielleicht genau der richtige Ton ist, um so eine optimistische, sentimentale, am Ende gar euphorische Geschichte zu erzählen.

Es hilft zudem, dass mit Jackie Weaver eine Schauspielerin die Hauptrolle übernommen hat, der man gerne zusieht, der man es abnimmt, dass sie die Entfremdung von ihrem Sohn geschmerzt hat, der man aber auch glaubt, dass sie lebenserfahren genug ist, um sich in der Welt der schwulen Szene San Francisos binnen kürzester Zeit zu Hause zu fühlen.

Was vielleicht doch gar nicht so überraschend ist, denn zumindest in „Stage Mother“ gibt es zwischen den Südstaaten und der Schwulenszene weit mehr Parallelen als Gegensätze: Ein Hang zum ausladenden, barocken Design, ein Faible für aufgebauschte Kleidung und hochtoupierte Frisuren, eine Vorliebe für auffälligen Lippenstift und nicht zuletzt für empathische Gesangsdarbietungen. Gerade wenn am Ende dann sogar Maybelline die Bühne betritt und in Erinnerung an ihren Sohn zu singen beginnt, kann man sich dem sentimentalen Charme von „Stage Mother“ nur schwer entziehen. Realistisch geht zwar anders, aber gerade in diesen Zeiten braucht das Kino vielleicht auch eher einen unbeschwerten Feel Good Film wie diesen.

Michael Meyns