Station To Station

Ein Film wie eine Kunstinstallation – oder umgekehrt. Schwer zu fassen ist „Station to Station“, ein Film des amerikanischen Multimedia Künstlers Doug Aitken, der gleichermaßen Dokumentation, Performance-Video und Kunstfilm ist, manchmal ein etwas eitles Namedropping betreibt, dabei aber so fesselnd erzählt und gefilmt ist, dass die 71 Minuten der Zugreise durch Amerika rasant vergehen.

Webseite: www.StationToStation-derFilm.de

USA 2014
Regie: Doug Aitken
Dokumentation
Länge: 71 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: ab 16. Juli 2015

FILMKRITIK:

Doug Aitken zählt zu den zeitgenössischen Künstlern, die nicht mehr dem Motto „weniger ist mehr“ folgen, sondern eher der Devise „mehr ist mehr“. In einem immer voller werdenden Kunstbetrieb, bei dem es zunehmend schwer fällt, sich von all den anderen Künstlern abzuheben, bespielt Aitken nicht einfach nur dunkle Kammern in Museen, sondern geht mit seinen Videoinstallationen in den öffentlichen Raum. Da wird dann schon mal die Außenwand des MoMAs in New York zur Leinwand, was eigentlich allein schon ein Ereignis wäre, doch das würde Aitken nicht reichen: Er lässt auch noch Tilda Swinton und Donald Sutherland auftreten, dazu Musiker wie Seu Jorge und Cat Power, womit ihm dann erst Recht Aufmerksamkeit gewiss ist.
 
Ein ähnliches, überdimensionales, exaltiertes Ereignis war auch eine Zugfahrt, die Aitken im Herbst 2013 inszenierte: Von der Ost- an die Westküste, 4000 Meilen fuhr der Zug, der an der Außenfassade mit Lichtdioden ausgestattet wurde und so quasi ein rollendes Lichtkunstwerk war, während innen zahllose Künstler für ein paar Tage mitfuhren, miteinander Kunst machten und an zehn Orten bei so genannten Happenings auftraten. Als Nebenprodukt dieses Ereignis drehte Aitken einen Film, der aus 62 Kurzfilmen besteht, 62 exakt einminütigen Stücken, die in rasender, aber auch fließender Bewegung die Fahrt des Zugs nachzeichnen.
 
Manchmal sind das impressionistische Momentaufnahmen der vielfältigen Landschaft, durch die der Zug auf seiner Fahrt durch die Metropolen der Ostküste und der riesigen Leere des amerikanischen Kernlandes fährt, dann fast klassisch dokumentarische Stücke, in denen einzelne Künstler kurze Kommentare abgeben oder bei ihren unterschiedlichsten Auftritten zu sehen sind, dann wieder meditative Reflektionen über Beschleunigung, die Moderne, die Weite des amerikanischen Kontinents.
 
Zu den Mitwirkenden zählen Musiker wie Beck, Cat Power, Suicide, Patti Smith, Thurston Moore oder Giorgio Moroder und Künstler wie Ed Ruscha, William Eggleston, Olafur Eliasson, Thomas Demand oder Christian Jankowski, um nur einige zu nennen. Zwangsläufig verursacht die gewählte Form einen oft atemlosen Rhythmus, bei dem eine Performance oft nur 20, 30 Sekunden zu sehen ist, bevor schon wieder zur nächsten gesprungen wird. In seinem Übermaß erinnert das vielleicht nicht zufällig an all die Sammelausstellungen und Biennalen, in denen so viel Verschiedenes gezeigt wird, dass die Konzentration auf das Einzelne kaum mehr möglich ist.
 
Doch statt oberflächlich und disparat wirkt „Station to Station“ wie ein fließendes Gesamtkunstwerk, wozu in erster Linie Aitkens visuelles Gespür beiträgt. Egal ob Stadt oder Land, Bühnenauftritt oder improvisierter Set im Zugabteil: Wie aus einem Guss wirken die Bilder, die sich in Kombination mit dahin geworfenen Reflektionen über das Wesen der Kunst, die Entwicklung der Moderne, die Vielfalt des amerikanischen Kontinents zu einem Gesamtkunstwerk formen, in dem die Vielfalt des Gezeigten zu einem großen Ganzen wird.
 
Michael Meyns