Stein der Geduld

Basierend auf seinem eigenen Erfolgsroman inszeniert der in Afghanistan geborene Atiq Rahimi einen allegorischen Film über die Rolle der Frau in orthodoxen islamischen Staaten. Getragen von der in fast jedem Moment präsenten Golshifteh Farahani entsteht eine hypnotische Atmosphäre, die über manchen allzu ausgedehnten Monolog hinwegsehen lässt.

Webseite: www.rapideyemovies.de

Frankreich/ Deutschland/ Afghanistan 2012
Regie: Atiq Rahimi
Buch: Jean –Claude Carrière & Atiq Rahimi, nach seinem Roman
Darsteller: Golshifteh Farahani, Hamid Djavadan, Hassina Burgan, Massi Mowrat, Mohamed Al Maghroui
Länge: 102 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 10. Oktober 2013

PRESSESTIMMEN:

"Ein fesselndes Frauenporträt, das als Protokoll eines sich anbahnenden Befreiungsaktes angesichts der realen Verhältnisse in Afghanistan umso mehr erschauern lässt. – Sehenswert."
film-dienst

FILMKRITIK:

Es ist wohl Afghanistan, doch eigentlich könnte Atiq Rahimi „Stein der Geduld“ in jedem Land spielen, in denen Frauen unterdrückt werden, nur als Anhängsel des Mannes gelten, wo sie ihren Rechten beschnitten, ihrer Freiheit beraubt werden. Afghanistan also, während einem der vielen Kriege, die das Land im Hindukusch seit Jahrzehnten immer wieder zerreisen, mit immer neuen und doch gleichen Konfliktparteien.

In einem kargen Zimmer liegt ein Mann im Koma, wird mit einer Salzlösung ernährt, die ihm seine Frau (Golshifteh Farahani) einflößt. Für ihre zwei kleinen Kinder hat die Frau, die ebenso wie alle anderen Figuren namenlos bleibt, kaum Zeit, durch eine zerstörte Mauer sieht sie manchmal Nachbarn, ansonsten passiert wenig in ihrem Leben. Bei Bombenangriffen versteckt sie sich im Keller, wimmelt den Mullah ab, der für ihren Mann beten will und findet schließlich ihre Tante, die in einem Bordell lebt und arbeitet. Hier kann sie zumindest die Kinder in Sicherheit bringen, während sie bei ihrem Mann ausharrt, wohl wissend, dass sie nach seinem Tod nichts mehr wert wäre.

Einem afghanischen Sprichwort folgend, nachdem ein Mensch einem Stein der Geduld von all den Geheimnissen, Sünden und Schmerzen berichten kann, die er im Laufe seines Lebens erlitten hat, die vom Stein gesammelt und quasi vergeben werden, beginnt die Frau zu erzählen. Endlich, nach Jahren der Ehe, die einsam und freudlos war, muss ihr Mann ihr zuhören, muss hören, wie sie von ihren sexuellen Phantasien berichtet, von der Last, ein Kind zu bekommen, um anerkannt zu werden, von ihrer schweren Kindheit mit einem lieblosen Vater, der sich lieber um seine Wachteln kümmerte, als um seine Töchter. Während draußen die Kämpfe immer heftiger toben, erzählt im Zimmer die Frau immer weiter, als ginge es um ihr Leben, als wäre sie eine moderne Scheherazade.

Schon dass die Figuren keinen Namen haben deutet an, dass es Atiq Rahimi weniger um eine realistische Erzählung, als um eine allegorische Darstellung geht, die anhand weniger Figuren das ganze Leid der Frauen andeuten sollen. Dass er dabei die Flucht in die Prostitution als fast zwangsläufige Folge zeigt, ist eine nicht ganz unproblematische Aussage, die aber zum Glück nie in eine typische Verklärung der Prostitution führt.

Das viel größere Problem des Films ist seine Redseligkeit: Während Dialoge recht rar sind, werden weite Strecken mit Monologen der Frau gefüllt, deren Erinnerungen und Gedanken zur Untermalung eins zu eins dargestellt werden. Während diese Form des inneren Monologs in einem Roman gut funktionieren kann, wirkt sie im Kino dagegen oft etwas statisch und unfilmisch.

Doch zum Glück wird das Zentrum des Films von Golshifteh Farahani ausgefüllt, die im Iran durch „Alles über Elly“ bekannt wurde und nach ihrer Rolle in Ridley Scotts “Der Mann, der niemals lebte“ das Land verlassen musste. Fast zu schön wirkt sie in diesem Kontext, doch entfaltet sie im Lauf der Erzählung eine Kraft, die die zunehmende Selbstbefreiung ihrer Figur greifbar macht. Je mehr sie von sich preisgibt, je offener sie über ihre Wünsche und Träume berichtet, umso strahlender erscheint Farahani auf der Leinwand. – Und schafft es Atiq Rahimis „Stein der Geduld“ zu einem ergreifenden Plädoyer für die Freiheit der Frauen nicht nur Afghanistans zu machen.

Michael Meyns