Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

Ganz um die eindrucksvolle Leistung seiner Hauptdarstellerin Julianne Moore konstruiert, ist „Still Alice“, ein Alzheimer-Drama des Regie-Duos Richard Glatzer und Wash Westmoreland. Diese haben bislang fast ausschließlich fürs Fernsehen gearbeitet, was man ihrem Film auf visueller Ebene anmerkt. Doch gerade der einfache Stil, die gradlinige Erzählung eines geistigen Verfalls lassen die Darstellung Moores noch kraftvoller erscheinen. In weiteren Rollen agieren Kate Bosworth, Alec Baldwin und Kristen Stewart.

Webseite: www.stillalice-derfilm.de

USA 2014
Regie: Richard Glatzer & Wash Westmoreland
Buch: Richard Glatzer & Wash Westmoreland, nach dem Roman von Lisa Genova
Darsteller: Julianne Moore, Kristen Stewart, Alec Baldwin, Kate Bosworth, Hunter Parrish, Seth Gilliam
Länge: 99 Minuten
Verleih: Polyband, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 5. März 2015
 

Pressestimmen:

"Bewegend und wahrhaftig und tatsächlich erstaunlich unsentimental."
Brigitte

FILMKRITIK:

Alice (Julianne Moore) arbeitet als Linguistin, führt mit dem Biologen John (Alec Baldwin) eine glückliche Ehe und hat drei Kinder: Der Sohn Tom (Hunter Parrish) und die beiden Töchter Anna (Kate Bosworth) und Lydia (Kristen Stewart), eine angehende Schauspielerin, die ein eher gespanntes Verhältnis zur Mutter hat. Zur Feier ihres 50. Geburtstages ist die gesamte Familie versammelt, alles scheint in bester Ordnung, doch einige Tage später bemerkt Alice ungewöhnliche Veränderungen: Beim Joggen vergisst sie für einen Moment wo sie sich befindet, bei einem Vortrag hat sie einen Aussetzer, kleine Vergesslichkeiten nehmen plötzlich zu.

Die Diagnose ist niederschmetternd: Alice leidet an einer seltenen Form von Alzheimer, die auch Menschen erfassen kann, die eigentlich noch zu jung sind. Besonders tragisch ist, dass es sich um eine vererbbare Form der Krankheit handelt und Alice das betreffende Gen möglicherweise auch an ihre Kinder weitergegeben hat. Doch während Anna das Gen in sich trägt, will sich Lydia nicht untersuchen lassen. Sie kehrt nach einigen Monaten in San Francisco an die Ostküste zurück, verbringt mit den Eltern den Sommer im Strandhaus der Familie und entwickelt eine große Näher zu einer Mutter, die sie bald nicht mehr erkennen wird.

Immer älter wird die Bevölkerung, immer länger leben die Menschen, so dass Krankheiten zunehmen, die früher kaum auftraten. Dementsprechend beschäftigt sich auch das Kino immer häufiger mit Krankheit, Leiden, Tod, thematisiert Parkinson-Erkrankungen, Hirnschläge und die unterschiedlichen Arten des Krebs. Einerseits passt „Still Alice“ ganz in diese Entwicklung, wählt andererseits aber einen anderen Ansatz. Denn Alice ist nicht alt, sondern steht im Gegenteil in der Blüte des Lebens, wodurch ihr Verlust an geistiger Mobilität umso schwerwiegender wirkt.

Zumal sie als Linguistin ihr Leben der Sprache gewidmet hat, Sprache, die sie nun zunehmend vergisst. Doch nicht nur um Alice's Krankheit geht es, sondern auch um die Auswirkungen der Krankheit auf ihre Umwelt und ihre Familie. So sehr sich Alice's Mann und ihre Kinder auch bemühen, die zunehmende Dramatik der Situation können sie nicht überspielen. Sie stehen vor der Frage, wie sehr sie ihre Leben auf Alice ausrichten und dadurch eigene Wünsche zurückstellen sollen. Wie viel sind sie bereit für ihre Frau bzw. Mutter zu opfern, die bald nicht mehr wissen wird, wer sie sind.

Zunehmend gerät dabei das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter in den Mittelpunkt, zwischen Juliane Moore und Kristen Stewart, zwei Generationen von Schauspielern, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Während Stewart langsam beginnt, die Bürde ihres frühen aber auch einseitigen Ruhms durch die „Twilight“-Saga abzulegen, ist Moore eine etablierte Größe, war schon vier Mal für den Oscar nominiert und gilt schon jetzt als Favoritin für die nächste Verleihung. Durchaus zu Recht, denn sie spielt ihre Rolle mit großer Zurückhaltung, greift nicht auf plakative emotionale Momente zurück, sondern macht die Tragik ihrer Figur auf subtile Weise greifbar. Da stört es auch kaum, dass der Film, der um und neben Julianne Moore existiert, eher konventionell geraten ist, denn im Zentrum überzeugt eine der besten Schauspielerinnen unserer Zeit mit einer herausragenden Darstellung.
 
Michael Meyns