Still the water

Zwei japanische Teenager erleben auf einer kleinen Insel im Pazifischen Ozean die erste Liebe – und müssen daneben jeweils persönliche Schicksalsschläge verkraften. Wie so oft spielen die Themen "Leben", "Tod" und "Vergänglichkeit" eine entscheidende Rolle in den Filmen von Regisseurin Naomi Kawase ("Der Wald der Trauer"). "Still the water" ist ein in atmosphärischen Bildern getauchtes, wundervoll fotografiertes Liebes- und Familien-Drama. Ein stilles Werk voller Spiritualität und Natur-Symbolik – und mit zwei herausragenden Jung-Darstellern, die ihre Rollen glaubwürdig und bemerkenswert eindringlich verkörpern.

Webseite: www.filmkinotext.de/still-the-water.html

Japan, Spanien, Frankreich 2014
Regie: Naomi Kawase
Drehbuch: Naomi Kawase
Darsteller: Nijiro Murakami, Jun Yoshinaga, Miyuki Matsuda,
Tetta Sugimoto, Makiko Watanabe
Länge: 120 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 30. Juli 2015
 

FILMKRITIK:

Der 16-jährige Kaito (Nijiro Murakami) kann die Trennung seiner Eltern nur schwer verarbeiten. Mit Schmerz und Unverständnis beobachtet er, wie sich seine Mutter mit anderen Männern einlässt. Er wohnt gemeinsam mit ihr auf der japanischen Insel Amami-Ōshima, doch weder die atemberauende Natur noch das Meer vermögen ihn abzulenken. Auf andere Gedanken bringt ihn nur seine Freundin Kyoko (Jun Yoshinaga), die ebenfalls ein Problem im innersten Familienkreis umtreibt: ihre Mutter, die Schamanin des Dorfes, leidet unter einem Tumor und liegt im Sterben. Um die letzten Monate im Kreise ihrer Lieben zu verbringen, holen sie Kyoko und ihr Vater vom Krankenhaus zu sich nach Hause. Und so haben die beiden Teenager ihre ganz eigenen, persönlichen Schmerzmomente zu verkraften, während sie sich immer weiter einander annähern und die erste große Liebe in ihrer ganzen Vielfalt und Kraft erleben – so kraftvoll wie die tosenden Wellen des Ozeans, neben dem sie leben.
Persönliche Schicksalsschläge spielen seit jeher eine zentrale Rolle in den Filmen von Regisseurin Naomi Kawase, so. z.B. in ihrem viel beachteten Familien-Drama "Shara" oder auch in "Der Wald der Trauer", mit dem sie 2007 den großen Preis der Jury in Cannes gewinnen konnte.  Mit ihrem jüngsten Film, "Still the water", war Kawase wieder auf dem Filmfestival an der  Côte d’Azur vertreten. Ihr naturverbundenes Drama bezeichnet die japanische Filmemacherin als ihr bis heute wichtigsten und bedeutendsten Film. "Still the water" entstand 2013 fast ausschließlich auf der Insel Amami-Ōshima im Pazifischen Ozean.

Mehr denn je spielen bei Kawase hier die ganz universellen, allgemeingültigen Themen-komplexe "Leben", "Tod" und "Vergehen" eine wichtige Rolle. Die beiden Hauptfiguren – gefühlvoll und lebensnah dargestellt von Nijiro Murakami und Jun Yoshinaga – sind direkt mit einschneidenden, privaten Tragödien konfrontiert. Nur wählen sie einen vollkommen unterschiedlichen, individuellen Umgang damit. Während die offene und extrovertierte Kyoko die Konfrontation mit dem Thema unmittelbar sucht und ihre Mutter in einer starken, intensiven Szene des Films ganz direkt dazu befragt, zieht sich Kaito eher in sich zurück. Er ist der nachdenklichere, emotionalere der Beiden, der die Trennung seiner Eltern einfach nicht verkraften und schon gar nicht verstehen kann.

"Still the water" besticht neben seinen guten, glaubwürdigen Darstellern und der ruhigen, atmosphärischen Erzählweise vor allem auch durch seine Symbolträchtigkeit, die aber nie zu übertrieben oder allzu reißerisch daherkommt. Die Natur des Handlungsortes spielt dabei iene ganz entscheidende Rolle. Immer wieder unterbricht Kawase die Handlung mit Bildern von einnehmender Schönheit, die von der prächtigen Landschaft und Umgebung der Amami-Ōshima-Insel zeugen: etwa, wenn sie die tosenden, kraftvollen Wellen und die beeindruckende, einschüchternde Größe des Pazifik – des größten und tiefsten Ozeans der Welt – ins Bild rückt.

Kaitos Verhältnis zum Ozean hingegen ist geprägt von größtem Respekt und fast schon von Angst – angesichts dieser monumentalen Bilder kann man verstehen, woher diese Gefühlsregungen rühren. Der Film spielt fast ausschließlich auf der Insel, abgesehen von einem kurzen Ausflug Kaitos nach Tokio, um mit seinem Vater zu sprechen. Und damit letztlich dann doch auch die ungefilterte Konfrontation sucht.

An anderer Stelle wird Kyoko eins mit dem Meer, wenn sie – wie sie es immer tut: bekleidet – durch die Stille des Wasser gleitet und zu fast minutenlangen, schwerelosen Tauchgängen ansetzt, die auf den Zuschauer auf eine gewisse Art hypnotisierend wirken. Als ähnlich beruhigend erweist sich die elegische Hintergrundmusik von Singer-Songwriter Hasiken. Alles in allem schadet es bei diesem naturverbundenen Film nicht, einen Hang zu philosophischen, spirituellen Anklängen und schwelgerischen Natur-Bildern mitzubringen. Wer hierfür ein Faible hat oder schlichtweg gerne assoziative, melancholische Dramen sieht, für den ist "Still the water" Pflicht.

Björn Schneider