Still Walking

Ein Film fast nur aus Zwischentönen. Vordergründig schildert der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda in seinem hervorragenden Film „Still Walking“ fast nichts. Mit größter Zurückhaltung beobachtet er einen Tag im Leben einer Familie, die vom frühen Tod eines Kindes beherrscht wird. Zwischen den Zeilen aber geht es um das Leben, den Tod, das schwierige Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Ein im besten Sinne typisch japanischer Film.

Webseite: www.koolfilm.de

Japan 2008
Regie: Hirokazu Kore-eda
Drehbuch: Hirokazu Kore-eda
Darsteller: Hiroshi Abe, Yui Natsukawa, You, Kazuya Takahashi, Shohei Tanaka, Kirin Kiki, Yoshio Harada
Länge: 114 Min.
Verleih: Kool Filmdistribution
Kinostart: 18. November 2010
 

PRESSESTIMMEN:

Das ist einer der zutiefst wahren Filme über das Familienleben, die man je gesehen hat.
LE TEMPS

Kore-eda gehört zu den besten japanischen Filmschaffenden und ist gleichzusetzen mit den großartigen vorangegangenen Autoren Ozu und Kurosa-wa.
MATIN

Es ist so absolut packend, so sicher in seinen Feinheiten und der Betrachtung, dass der Rest der Welt, während du den Film anschaust, einfach unbedeutend wird.
THE NEW YORK TIMES

Heiter und von Wärme erfüllt – ein Juwel!
VARIETY

FILMKRITIK:

Bislang war Hirokazu Kore-eda eher als Regisseur bekannt, der Realismus mit Anflügen des Übernatürlichen verband. „Still Walking“ dagegen könnte problemlos als Hommage an Yasujiro Ozu, einen der Großmeister des japanischen Kinos verstanden werden. Doch damit würde man ihm unrecht tun. Zwar spielt „Still Walking“ in einer kleinen Stadt am Meer, die sicherlich nicht zufällig an all die ähnlichen Orte erinnert, in denen Ozu seine Familiengeschichten ansiedelte. Und auch thematisch erinnert vieles an Ozu – ohne jedoch zur bloßen Kopie zu verkommen.

Die Geschichte beginnt an einem heißen Sommertag. Der Enddreißiger Ryota ist mit seiner Frau und deren Kind aus erster Ehe auf dem Weg zu seinen Eltern. Der Anlass ist ein trauriger: Es ist der Jahrestag des Todes seines Bruders, der vor Jahren bei einem Unfall ums Leben kam. Anwesend sind auch seine ältere, immer noch unverheiratete Schwester Chinami und natürlich die Eltern. Der pensionierte Vater und die Mutter, ein typisches, seit ewigen Zeiten verheiratetes Ehepaar, das sich fast ohne Unterlass streitet, aber doch nicht ohne einander leben kann. Begeistert ist Ryota, der unschwer als Alter Ego des Regisseurs zu erkennen ist, nicht über die Aussicht, einen Tag mit seinen Eltern zu verbringen. Zumal er stets das Gefühl hat, dass sein Leben nicht den Erwartungen des Vaters entspricht, dass sein verstorbener Bruder derjenige war, in den der Vater all seine Hoffnungen gesetzt hatte. Diese Missstimmungen sind stets präsent, deuten sich bisweilen in einem längeren Schweigen an, in Blicken, bleiben jedoch stets unter der Oberfläche.

Wie es auch Ozu immer wieder getan hat, thematisiert auch Hirokazu Kore-eda das schwierige Verhältnis zwischen den Generationen, deren Vorstellungen eines erfüllten Lebens immer weiter auseinander driften. Dass etwaige Vorwürfe und Enttäuschungen kaum in Worte gefasst werden, sondern nur unbestimmt im Raum stehen, macht eine wirkliche Verständigung kaum möglich. Wobei im Laufe des Tages, den die Generationen miteinander verbringen, deutlich wird, dass die möglichen Unstimmigkeiten letztlich nicht wirklich bedeutsam sind. Doch sie zu überwinden ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Was Hirokazu Kore-eda mit „Still Walking“ gelingt, ist außerordentlich. Er verzichtet vollständig auf dramatische Wendungen, aufsehenerregende Ereignisse, selbst Streitigkeiten werden kaum ausgetragen. Und doch plätschert die Geschichte keineswegs einfach so dahin, sondern ist bei aller Beiläufigkeit von höchster Präzision. Selten hat sich Aufmerksamkeit, genaues Zuhören und -sehen im Kino so sehr ausgezahlt wie hier. Insofern ein Film wie das Leben: Meist läuft es ohne größere Vorkommnisse ab, so dass man Gefahr läuft, das Besondere im scheinbar Unwichtigen zu verpassen.

Michael Meyns

Japan. Irgendein Küstenstädtchen. Dort wohnt das schon etwas ältere Ehepaar Yokoyama. Es ist Sommer, die beiden Alten erwarten Besuch. Die Tochter Chinami mit Familie ist angesagt, ebenso der Sohn Ryota, der unlängst die junge Witwe Yukari heiratete, die einen Jungen hat. Er holte dafür die Zustimmung der „Familie“ nicht ein, entsprechend gespannt ist die Stimmung.

Noch ein Umstand trübt das Familien- und Besuchsklima. Die Yokoyamas haben vor Jahren einen Sohn verloren. Der wird hoch in Ehren gehalten. Der noch lebende jüngere Sohn Ryota steht deshalb immer nur im zweiten Glied. Insbesondere der Vater lässt ihn dies spüren.

Die Seele des Ganzen ist die Mutter Toshiko. Sie ist mit Kochen beschäftigt, füttert die Bande durch. Es wird gegessen, gespielt, ferngesehen, ein wenig geredet, es wird das Grab des verstorbenen Sohnes besucht, darauf gewartet, dass der Besuch zu Ende geht.

Die Zeit läuft dahin. Irgendwann sterben die Eltern. Wie ist jetzt die Befindlichkeit? Es geht so.

An dramatischer Handlung passiert so gut wie nichts in diesem Film. Und doch eine ganze Menge: an Stimmungen, Gesten, Nichtigkeiten, Altgewohntem. An Liebe der Mutter, an übler Laune des Alten, an Aufbegehren des Sohnes, an „Normalem“ mit der Familie Chinamis.

Wie kann man ohne Handlung einen Film machen? Man kann. Regisseur Hirokazu Kore-eda ging mit einem solchen Gespür für das Natürliche, das Alltägliche, das Gewöhnliche vor, dass man diese plausible Verknüpfung von Banalitäten nur bewundern kann.

Aus nichts Kunst hervorzuzaubern ist ja so etwas wie ein Geniestreich.

Eine leichte, schwebende, vorbeihuschende, einfühlsame Angelegenheit.

Thomas Engel