Stilles Chaos

Antonello Grimaldis leises Drama lief im Wettbewerb der vergangenen Berlinale. Mit zartem Humor erzählt es die Geschichte einer Bewusstseinswerdung: Ein Mann verarbeitet den Tod seiner Frau, indem er tagelang auf einer Parkbank verbringt und zum ersten Mal über sein Leben sinniert. Ein aufgeräumter und sympathischer Film aus Italien – mit einem Kurzauftritt von Roman Polanski. 

Ausgezeichnet mit dem Publikumspreis der Filmkunstmesse Leipzig 2008

Webseite: www.stilleschaos.de

OT: Caos Calmo
Italien 2008
Regie: Antonello Grimaldi
Buch: Nanni Moretti, Laura Paolucci, Francesco Piccolo nach dem gleichnaigen Roman von Sandro Veronesi
Darsteller: Nanni Moretti, Blu Yoshimi, Alessandro Gassmann, Valeria Golino, Isabella Ferrari, Kasia Smutniak, Hippolyte Girardot, Denis Podalydés, Charles Berling, Roman Polanski, Silvio Orlando, Alba Rohrwacher, Manuela Morabito
Länge: 112 Minuten
Verleih: Koolfilm
Start: 29.1.2009

PRESSESTIMMEN:

Nanni Moretti hat in STILLES CHAOS den besten Auftritt seit langem. Ergreifend in seiner Balance aus Trauer und Komik!
Der Spiegel

Ein weiser Film über das Dasein an sich, in dem alles seinen Sinn hat: das Leben, der Tod und die Dramen, die dazwischen liegen!
Die Welt

Ein wunderbar anrührender und humorvoller Film über Trauer und deren Überwindung!
3SAT Kulturzeit

Weitere Pressestimmen auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Leben und Tod liegen manchmal ganz dicht beieinander. Regisseur Antonello Grimaldi bedient sich in seiner Eröffnungssequenz bei jenen Launen des Schicksals, als er Überleben und Sterben auf nahezu zynische Weise kontrastiert. Pietro (Nanni Moretti) und sein Bruder Carlo (Alessandro Gassman) stehen am Strand, als sie Hilferufe aus dem Wasser hören. Die beiden retten zwei Frauen vor dem Ertrinken, doch niemand bedankt sich bei den Helden. Als Pietro in sein Ferienhaus zurückfährt, liegt seine eigene Frau leblos im Garten. Seine Rettung für sie kommt zu spät.

Antonello Grimaldis Drama handelt nicht nur vom Weiterleben nach dem Tod, sondern auch von Orten und Möglichkeiten, die über unser Schicksal bestimmen. Von der bitteren Ironie des Zufalls und der eigenen Stärke, damit umzugehen. Pietro, der als ranghoher Pay-TV-Manager Karriere macht, bringt in der Zeit nach dem Verlust seine 10-jährige Tochter täglich zur Schule. Mehr noch: Während des Unterrichts verweilt er vor dem Gebäude in einem kleinen Park, in ständigem Blickkontakt zum Klassenzimmer. Aus Furcht, seine Tochter könne nach dem Tod der Mutter nicht wieder am gewöhnlichen Schulalltag teilnehmen, verharrt er täglich auf einer Bank, bis die Glocke läutet. Nach und nach macht Pietro erste Bekanntschaften, spielt mit einem behinderten Jungen, isst im Parkcafé zu Mittag und bekommt Besuch von Arbeitskollegen und Vorgesetzten, die mit ihm unter freiem Himmel geschäftliche Angelegenheiten klären. 

Die Fusionsgerüchte seiner Firma geraten mehr und mehr in den Hintergrund, denn Pietro gelingt es zum ersten Mal, den Tod seiner Frau zu akzeptieren und zu verarbeiten. Der Film vergleicht dabei die moralische Aufbauhilfe auf zwei Seiten, die der Arbeitskollegen und die der Familienmitglieder. Der Umgang mit dem Tod wird von keiner Seite tabuisiert – und schließlich sind es beide Seiten, die Pietro braucht, um in Frieden weiterleben zu können und in einen normalen Alltag zurückzukehren. 

Hauptdarsteller Nanni Moretti spielt den Witwer zurückhaltend, mit reduzierter Gestik und fernab des trauernden Melancholikers. Es ist vielmehr die unangestrengt wirkende passive Neutralität, die seiner Rolle die nötige Authentizität verleiht, wie auch das von ihm verfasste Drehbuch, das in den vielen kleinen Begegnungen seiner Figuren die gegenseitige menschliche Wärme fernab von Oberflächlichkeit feiert. 

Roman Polanski, selber bekanntlich Witwer, konnte für einen bemerkenswerten Kurzauftritt gewonnen werden. Als kühler Firmenboss besucht er Pietro im Park und setzt sich mit ihm für einen kurzen Moment in sein Auto. Wenige Minuten später ist er wieder verschwunden, den Inhalt des Gesprächs bekommt man nicht mit. Was man nur erahnen kann: Selbst die emotionslose geschäftliche Rationalität eines Businessman kann Trost für einen Trauernden sein.

David Siems

 

Pietro rettet am Strand eine Frau vor dem Ertrinken. Bedanken tut sich die so Gerettete nicht – erst viel später taucht sie per Zufall wieder auf. Als Pietro nach Hause kommt, ist seine Frau tot. Aus heiterem Himmel gestorben. 

Pietro erstarrt innerlich. Jetzt muss er mit seiner kleinen Tochter Claudia allein zurechtkommen.  Er bringt sie zur Schule. Und – er bleibt im Park davor sitzen. Das tut er jetzt jeden Tag. Es ist leer geworden in ihm. Aber er will auch Claudia nahe sein, sie begleiten, sie beschützen.

Plötzlich ist ihm gleichgültig, was in seiner Firma passiert: die Intrigen, eine bevorstehende Fusion mit einer anderen Gesellschaft, seine mögliche Beförderung, die Entlassung eines Kollegen und Freundes, von der man nicht weiß, ob sie ein Unglück für den Betroffenen bedeutet oder ob sie zurecht erfolgte, weil der Betreffende betrogen hat.

Während dieser Tage und Wochen des Innehaltens wird Pietro  auch aufgesucht: von seinem Bruder Carlo, den Claudia besonders mag; von deren Lehrerin Maria Gracia; von seiner Sekretärin Annalisa, die mit ihm das Nötigste zu besprechen hat; von seiner Schwägerin Marta, mit der er früher kurz ein Verhältnis hatte und die auch heute noch ein wenig liebestoll zu sein scheint; von Kollegen, die mit ihm über die Fusion seiner Firma zu reden versuchen – meist vergebens; von der aus dem Meer Geretteten; von einem Jungen mit Down-Syndrom, zu dem sich ein besonders herzliches Verhältnis herausbildet; von Jolanda, der Schönen mit dem Hund. 

Claudia ist es schließlich, die durch einen ganz banalen, aber vom Kind aus gesehen durchaus verständlichen Wunsch Pietro dazu bringt, wieder ins Leben zurückzukehren.

Die äußeren Handlungsstränge – fast ein Dutzend, vom Tragischen bis ins Komische reichend – sind von Drehbuch und Regie geschickt miteinander verflochten. Was im Innern vor sich geht, lässt Nanni Moretti als Pietro gefühlvoll und bewegend lebendig werden. Eine bedeutende darstellerische Leistung. Die anderen arbeiten ihm sehr gut zu, Alessandro Gassmann beispielsweise als sein Bruder Carlo, die kleine Blu Yoshimi als Claudia oder Valeria Golino als Marta. 

Ein berührender Film. Kein Wunder, dass er auf der letzten Leipziger Filmkunstmesse den Publikumspreis erhielt. 

Thomas Engel