Stolperstein

Die kleinen goldfarbenen Messingplatten liegen vor den Häusern und erinnern an die Opfer, die von den Nazis deportiert wurden. Dörte Frankes Dokumentarfilm erzählt die Geschichte hinter den „Stolpersteinen“, zeigt den Macher und spricht mit Angehörigen der Opfer, die noch häufig für ihre umstrittenen, kleinen Mahnmale kämpfen müssen.

Webseite: www.stolpersteine.com

Deutschland 2008
Regie & Buch: Dörte Franke
Länge: 73 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Start: 6.11.2008
(Fernsehausstrahlung einer 52-minütigen Version am 7.9. auf ARTE…)

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Sie sind auf den ersten Blick so groß wie eine quadratische Tafel Schokolade und bringen trotz ihres Namens die Fußgänger nicht wirklich zum Stolpern. Eher zum Nachdenken, Grübeln und Staunen. Die Stolpersteine, in Beton gegossene Messingplatten, sind das größte dezentrale Denkmal und Kunstprojekt der Welt. Sie liegen, eingelassen ins Trottoir, vor den ehemaligen Wohnhäusern derjenigen, die von Nazis in Konzentrationslager verschleppt wurden und tragen den persönlichen Namen, das Geburtsdatum, den Tag der Deportation und – sofern bekannt – auch den Todestag. Unauffällige Mahnmale, die ein wenig wie Grabsteine wirken. Alle der mehr als 12.500 Steine, die der Künstler Gunter Demnig bislang persönlich verlegt hat, wurden individuell von ihm angefertigt. „Jeder Stolperstein soll einzeln produziert werden, denn nur durch die Handarbeit wird das Individuum wirklich gewürdigt. Würde ich die Steine in Fließbandarbeit herstellen, dann wäre es dahin mit der Idee, denn die Massenvernichtung der Nazis war nichts anderes als Fließbandarbeit“, sagt der 61-Jährige. 

Die Berliner Regisseurin Dörte Franke würdigt in ihrem Film – einer Mischung aus Roadmovie und Porträt – die aufwändige Arbeit von Gunter Demnig und seiner Lebensgefährtin Uta Franke, die ihm hilft, das logistische Mammutprojekt zu bewältigen. Mit der Kamera begleitet sie den Künstler auf seiner Stolperstein-Tour, die ihn quer durch Deutschland, aber auch nach Österreich und Ungarn führt. Überall kniet sich Gunter Demnig auf den Boden und haut mit seinem Werkzeug kleine Löcher in die Betonplatten auf dem Fußboden. Mal bleiben ein paar Fußgänger stehen und stellen kurz ein paar Fragen, andernorts, wie in Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern) oder Hamburg sind Kamerateams, Presse und Angehörige der Opfer bei der Mahnmallegung dabei und streuen Blumen.

Die eigentliche Spannung gewinnt der Dokumentarfilm durch seine emotionalen Momente, wenn Hinterbliebene ihrer Vorfahren gedenken oder Töchter die stets in der Familie verschwiegene Vergangenheit ihrer SS-Väter damit verarbeiten, indem sie die Stolpersteine regelmäßig pflegen und polieren. Dabei ist Gunter Demnigs Kunstprojekt höchst umstritten. Viele Vertreter im Zentralrat der Juden würden die Steine gerne wieder entfernen, da sie fürchten, man würde auf der Würde der Opfer herumtrampeln. Hinzu kommen viele Fälle von Diebstahl und Beschmutzung durch Neonazis. Warum allerdings in der gesamten Stadt von München keine Stolpersteine geduldet werden, bleibt ein großes Rätsel – Oberbürgermeister Christian Ude wollte sich vor der Kamera nicht äußern.

Zwar konzentriert sich der Film auf multiple Handlungsstränge, die manchmal etwas verwirren können, doch gerade die Ausführlichkeit mit der sich Dörte Franke mit ihrem Thema auseinandersetzt imponiert ungemein. So verfolgt sie die Biografien und Einzelschicksale von Hinterbliebenen und Stolperstein-Auftraggebern genau so detailliert (die sie sogar zu einem Juden nach Manchester bringen), wie sie die polarisierende Wirkung der messingfarbenen Steine diskutiert. Ein nüchterner, aber trotzdem emotionaler Dokumentarfilm, der zu dem Schluss kommt, dass ein Mensch erst vergessen ist, wenn sein Name vergessen ist.

David Siems

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Wie viele Millionen Juden, Sinti und Roma sind von den Nazis deportiert und ermordet worden. Abstrakte Zahlen darüber sagen aber nicht soviel aus, erfasst sind diese Menschen höchstens in Archivlisten. Von Einzelschicksalen weiß man kaum etwas.

Nicht so bei Gunter Dennig, Jahrgang 1947. Er hat die Initiative „Stolperstein“ entwickelt. Hierbei geht es darum, verschleppter und getöteter Menschen direkt zu gedenken. Dennig lässt vor Häusern, in denen Juden lebten, messingüberzogene Pflastersteine in den Boden ein, „Stolpersteine“ also, auf denen der Name der betreffenden Person, das Deportationsdatum und der Todestag eingraviert sind. Tausende solcher Stolpersteine gibt es bereits in Deutschland – seit neuestem auch in Österreich und Ungarn – an nicht weniger als 177 Orten. 

Dokumentarfilm-Regisseurin Dörte Franke begleitete Dennig bei seinen Verlegungsfahrten. Auf zum Teil erschütternde Weise kehrt dabei die Vergangenheit wieder, beispielsweise bei einem Ehepaar in Manchester, bei der jungen Roma-Mutter in Österreich oder bei der zu Tränen gerührten Frau, die die Stolperstein-Aktion in Ungarn fördert. 

Dennig versteht sich als Künstler, doch hat er vor allem einen Akt der Menschlichkeit und der historischen Notwendigkeit verwirklicht. Im Film geben die Gespräche mit ihm darüber bestens Aufschluss. Übrigens ist der Samen gut aufgegangen. Der Mann kann sich heute vor Stolperstein-Aufträgen kaum retten.

Es gibt aus schwer nachvollziehbaren Gründen auch heftigen Widerspruch zu dieser Tat der Erinnerung. Er kommt zum Teil erstaunlicherweise von jüdischer Seite. In München zum Beispiel! Zu verstehen ist das kaum.

Wer an einem Stolperstein vorbeigeht, kann innehalten. Was genau er dabei empfindet, ist seine Sache. Erfahren wird man es nie. Ein solches Innehalten könnte jedoch ein Gewinn sein.

Thomas Engel