Straight Outta Compton

Rap ist das CNN der Schwarzen hieß es Ende der 80er Jahre und tatsächlich ist die Rap-Musik jener Zeit oft eine wütende, aggressive Reflektion des Lebens der schwarzen Amerikaner. Eine der einflussreichsten Vertreter dieser Musik waren N.W.A. – Niggaz Wit Attitudes, deren berühmtester Song Fuck Tha Police auch 25 Jahre später noch traurige Relevanz hat. Auch darum geht es in F. Gary Grays mitreißendem Biopic „Straight Outta Compton.“

Webseite: www.upig.de

USA 2015
Regie: F. Gary Gray
Buch: Jonathan Herman & Andrea Berloff
Darsteller: O’Shea Jackson Jr., Corey Hawkins, Jason Mitchell, Neil Brown Jr., Aldis Hodge, Marlon Yates Jr., Paul Giamatti
Länge: 147 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: 27. August 2015
 

FILMKRITIK:

Compton. Das ist einer der gefährlichsten Stadtteile Los Angeles, in dem fast ausschließlich Schwarze leben, in dem Mitte der 80er Jahre brutale Straßengangs herrschten, die Polizei mit größter Willkür agierte und es für schwarze Teenager wenig Möglichkeiten gab: Gangster werden, ein früher Tod, mit viel Glück Sportstar – oder Musiker. In dieser Umgebung wachsen drei junge Männer heran, die den Kern von N.W.A. bilden werden und zu den einflussreichsten Figuren der jüngeren Musikgeschichte zählen: Eric Lynn Wright, genannt Eazy-E (Jason Mitchell), der sich 1986 mit Drogendeals durchschlägt; Andre Young, besser bekannt als Dr. Dre (Corey Hawkins), der wenig rebellisch bei seiner Mutter lebt, aber schon viel Talent am Plattenspieler beweißt; und O’Shea Jackson, später berühmt als Ice Cube (O’Shea Jackson Jr, der Sohn), der zu diesem Zeitpunkt noch zur Schule geht und Reime notiert, die bald der zweite Stützpfeiler des Erfolgs der Gruppe sein werden.

In den bekannten Bahnen einer Musikbiographie bewegt sich F. Gary Grays Film hier, zeigt erste musikalische Gehversuche, kleine Auftritte, das Treffen mit einem Manager (Paul Giamatti), der mit seinen undurchsichtigen Verträgen später zum Auseinanderbrechen der Gruppe beitragen wird und schließlich den Moment, der N.W.A. in den Musik-Olymp bringen sollte: Einmal mehr werden die Musiker völlig ohne Anlass von der Polizei angegangen, willkürlich durchsucht und auf den Boden gedrückt. Zurück im Studio schreibt Ice Cube den Text zu Fuck Tha Police, den Song, der sie mehr als alle anderen berühmt und berüchtigt machen wird. Ob sich die Szene wirklich so zugetragen hat sei dahingestellt, ohne Frage haben die Musiker im Lauf ihres Lebens immer wieder ähnliche Momente der Polizeigewalt und Willkür erlebt, die sich schließlich in einem der wenigen Medien entladen hat, das Schwarzen zur Verfügung stand: Der Musik.

„A young nigga got it bad cause I’m brown/ And not the other color so police think/ They have the authority to kill a minority“ heißt es da, Zeilen, die auch 2015 immer wieder in den Sinn kommen, wenn einmal mehr ein junger Schwarzer von der Polizei erschossen wurde. Erinnert man sich daran, dass 1991 nach dem Freispruch der Polizisten, die Rodney King ohne Grund brutal verprügelten die schwarzen Viertel von Los Angeles in Flammen aufgingen, mag man ermessen, wie sehr N.W.A. mit ihrer von wuchtigen, harten Beats geprägten Musik und ihren schonungslosen Texten den Nerv der Zeit trafen.

Diese Stimmung einzufangen ist der größte Verdienst eines Films, der auch bei fast zweieinhalb Stunden Lauflänge selten an Kraft verliert. Trotz der peniblen Darstellung der Vertragskonflikte, des langsamen Auseinanderdriften der Gruppe, der bisweilen etwas verklärenden Darstellung von Dr. Dre und Ice Cube (Eazy-E, der dritte im Bunde starb schon 1995 an den Folgen von AIDS), die als Co-Produzenten wenig Anstalten machten, sich selbst kritisch zu betrachten, ist „Straight Outta Compton“, ein mitreißender Film, der einer der einflussreichsten Bands jüngerer Zeit ein Denkmal setzt.
 
Michael Meyns