Stromaufwärts

Klassisches Arthouse-Kino ist „Stromaufwärts“, der jüngste Film der belgischen Regisseurin Marion Hänsel. Mit wenigen Worten und ruhigen Bildern erzählt sie die Geschichte zweier Halbbrüder, die nach dem Tod des Vaters ein paar Tage in Kroatien verbringen. Auch wenn Hänsel die Metaphern ihres erzählerischen Ansatzes nicht überstrapaziert, läuft ihr Film dabei doch etwas zu spröde und frei von Überraschungen ab.

Webseite: peripherfilm.de/stromaufwaerts/

En amont du fleuve
Belgien/ Niederlande/ Kroatien 2016
Regie: Marion Hänsel
Buch: Marion Hänsel & Hubert Mingarelli
Darsteller: Sergi López, Oliver Gourmet, John Lynch, Igor Kovac, Niksa Butijer, Damir Raic, Petar Dukic
Länge: 90 Minuten
Verleih: peripher
Kinostart: 28. September 2017

FILMKRITIK:

Homer (Oliver Gourmet) und Joé (Sergi López) sind beide um die 50 und haben gerade erst von der Existenz des Anderen erfahren. Dabei sind sie Brüder, genauer gesagt Halbbrüder, deren gemeinsamer Vater vor kurzem gestorben ist. In den Bergen Kroatiens wurde seine Leiche gefunden, kurz zuvor hatte er einem Rechtsanwalt die Anweisung gegeben, nach seinem Tod, seine beiden Söhne zu informieren.
 
Diese machen sich nun zunächst via Boot, später zu Fuß auf eine Suche: Nach dem Ort, an dem der Vater starb, auf Antworten, die etwas über sein Leben und seinen Tod verraten, aber auch auf die Frage, warum sie bis vor kurzem nichts voneinander wussten.
 
Doch da beide Männer eher zur schweigsamen Sorte gehören, verlaufen die Gespräche ebenso schleppend wie die Reise, auf der sie später dem mysteriösen Iren Sean (John Lynch) begegnen, der mehr über ihren Vater zu wissen scheint, als er anfangs zugibt.
 
Zwei ausdrucksstarke Charaktergesichter hat Marion Hänsel für die Hauptrollen in ihrem jüngsten Film engagiert, zwei Männer, die eine Geschichte zum Leben erwecken, in der betont wenig gesagt wird. Nur sporadische Grundinformationen über die Situation lässt Hänsel ihre Figuren in Dialogen formulieren, die allermeiste Zeit der kaum 90 Minuten ihres Films überlässt es die belgische Regisseurin jedoch dem Zuschauer, zu beobachten und sich einen Reim auf das Geschehen zu machen. Dabei filmt sie oft in Totalen, isoliert ihre Protagonisten in der Landschaft, verzichtet auf Musik, hektische Schnitte, jegliche filmische Mittel, die über ein pures Beobachten des Geschehens hinausgehen würden.
 
Ein typischer Ansatz des Arthouse-Kinos ist dies, stilistisch wie inhaltlich. kontrastierende Figuren, die sich im Lauf einer Reise – einer Art Road-Movie auf dem Wasser – kennen lernen und etwas über sich erfahren. Doch diese Selbstfindung findet in diesem Fall ebenso wenig statt wie etwa unlängst bei Thomas Arslans „Helle Nächte“, in dem es ein Vater-Sohn-Duo war, das während einer Reise nicht zueinander fand. Eine ähnliche Anti-Geschichte, die die Konventionen dieses Kino-Typs bewusst unterläuft, versucht hier auch Hänsel.
 
Nicht mehr eine wie auch immer geartete Katharsis steht am Ende dieser Reise, keine bemerkenswerte Erkenntnis wird gemacht, kein besonderes Geheimnis gelüftet. Die Brocken, die dem Zuschauer, aber auch Joé und Homer hingeworfen werden, in wechselseitigen Gesprächen, später durch den Iren Sean, deuten Erkenntnis mehr an, als sie wirklich zu liefern. Etwas unbefriedigend mag man diesen bewussten Verzicht finden, ein Ausweichen vor dramatischer Zuspitzung oder aber als konsequentes Verweigern eben dieser Zuspitzung, wie sie vor allem in der Fiktion existiert, in der Wirklichkeit jedoch kaum zu finden ist. Der Fluss von Marion Hänsels Film mag stromaufwärts führen, am Ende kommen die beiden Halbbrüder jedoch auf dem offenen Meer an, ob sie auf ihrer Reise eine Erkenntnis gewonnen haben, bleibt offen bzw. der Interpretation des Zuschauers überlassen.
 
Michael Meyns