Suburra

Politik, Sex, Mafia, Drogen, Gewalt. Das sind die Zutaten von Stefano Sollimas wuchtigem Sittengemälde „Suburra“, das ist auch – glaubt man dem düsteren Epos und man darf ihm getrost glauben – die Essenz der italienischen Gesellschaft. Ein zutiefst unangenehmer, oft abstoßender Film, was in diesem Fall als großes Kompliment zu verstehen ist.

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Italien 2015
Regie: Stefano Sollima
Buch: Carlo Bonini, Giancarlo De Cataldo, Sandro Petraglia, Sandro Rulli, nach dem Roman von Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo
Darsteller: Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola, Alessandro Borghi, Greta Scarano
Länge: 130 Minuten
Verleih: Koch Films
Kinostart: 26. Januar 2017
 

FILMKRITIK:

Die Apokalypse naht, in den grauen, verregneten November-Tagen in Rom im Jahre des Herrn 2011. Sieben Tage lang bringt das Schicksal eine Handvoll Figuren zusammen, fast alle, egal ob Politiker, Mafiosi, Polizist oder Prostituierte völlig frei von Moral. Am Ende werden fast alle Tod sein und die, die noch Leben, sind oft auch nicht besser dran.

Am Anfang steht der Amtsverzicht des Papstes, der vorgeblich höchsten moralischen Instanz der Ewigen Stadt, doch die Kirche ist ebenso in das schmutzige Geflecht von Macht und Geld verquickt, wie alle anderen Teile der Gesellschaft auch. Während der Papst also mit sich ringt, bestellt sich der hochrangige Politiker Filippo Malgradi zwei Prostituierte ins Hotel, raucht mit ihnen Crack und schert sich wenig  darum, dass eine der Beiden, auch noch eine Minderjährige, nach dem Exzess Tod zurückbleibt. Die Andere, Sabrina, soll ihre junge Kollegin „entsorgen“ und ruft dafür einen Freund zu Hilfe. Der ist Teil eines kriminellen Zigeuner-Clans, der vom skrupellosen Anacleti angeführt wird. Bald ist der Helfer Tod, ermordet durch den jähzornigen Mafiosi Aureliano, der wegen seiner auf den rasierten Kopf tätowierten schwarzen Billardkugel nur Nr. 8 genannt wird. Bevor der Konflikt zwischen den Familien eskalieren kann, versucht der Mafia-Pate Roms, ein unauffälliger Mann genannt Der Samurai die Wogen zu glätten, denn offene Gewalt schadet dem Geschäft. Und gerade ist ein besonders lukrativer Deal in der Mache, der die Promenade von Ostia, der unweit von Rom gelegenen Hafenstadt, für Immobilienspekulanten freigeben soll. Doch um diesen Plan umzusetzen, wollen viele Hände geschmiert werden.

So wie sich das deutsche Kino immer wieder mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt, so thematisiert das italienische immer wieder die Machenschaften von Mafia und Politik, entlarvt Korruption bis in die höchsten Spähren der Gesellschaft, zeigt verrohte, skrupellose Machtmenschen, doch ebenso regelmäßig verschallen die Anklagen. So wie einst die Filme von Francesco Rosi, etwa „Hände über der Stadt“ oder „Der Fall Mattei“, oder „Il Divo“ von Paolo Sorrentino, basiert auch der von Stefano Sollima inszenierte „Suburra“ auf wahren Ereignissen. Die das Duo Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo – der eine Richter, der andere Journalist – in einen Tatsachenroman verwandelt haben, der offenbar vage genug geblieben ist, um das Leben der Autoren nicht nachhaltig zu gefährden.

Doch auch wenn manche Figuren und Situationen in dieser Form fiktiv sind, lässt der mit der Darstellung der Mafia erfahrene Sollima nie den Verdacht aufkommen, dass dies eine im Kern wahre Geschichte ist, die in ihrem Exzess wohl nur wenig überzogen ist. Die Authentizität, die dieser ausufernde Reigen an Gewalt, Sex und Korruption ausstrahlt, ist um so verblüffender als Sollima vom ersten Moment an einen pathetischen, exaltierten Stil wählt, die flirrenden Bilder mit wummernden Elektroklängen unterlegt, seine Figuren als verlorene Gestalten in einer unmoralischen Welt inszeniert, aber dennoch keinen Zweifel daran lässt, dass sie diesen Weg selbst gewählt haben. Eines der großen Probleme von Gangsterfilmen, die (unfreiwillige) Verklärung einer oberflächlich betrachtet verführerischen Welt aus Geld, Drogen und Sex, entgeht Sollima durch einen bei allem Pathos fast dokumentarisch anmutendem Blick. So faszinierend dieser Blick in die Abgründe der römischen Gesellschaft jedoch auch ist: „Suburra“ ist ein unangenehmer, fast abstoßender Film, den aber gerade diese schonungslose Darstellung von Korruption, Mord und moralischem Verfall so bemerkenswert macht.
 
Michael Meyns