Suite francaise

Als literarische Sensation wurde „Suite Francais“, der posthum veröffentliche Roman von Irène Némirovsky gefeiert. Eine filmische Sensation ist Saul Dibbs Adaption dagegen nicht, vielmehr ein zwar schön ausgestattetes, aber auch seltsam lebloses Melodram, dessen zentrale Liebesgeschichte viel weniger interessant erscheint, als die Nebenfiguren, in denen Fragen der Kollaboration und des Widerstands gegen die Nazis aufgeworfen werden.

Webseite: www.suitefrancaise-film.de

GB/ Frankreich/ Belgien 2014
Regie: Saul Dibb
Buch: Matt Charman, Saul Dibb, nach dem Roman von Irène Némirovsky
Darsteller: Michelle Williams, Matthias Schoenaerts, Kristin Scott Thomas, Sam Riley, Ruth Wilson, Heino Ferch, Tom Schilling, Lambert Wilson
Länge: 107 Minuten
Verleih: Universum, Vertrieb: 24Bilder
Kinostart: 19. November 2015
 

FILMKRITIK:

Juni 1940. Nach dem Einmarsch der Deutschen beginnen die Flüchtlingsströme aus Paris auch das ländliche Frankreich zu erreichen. In der Ortschaft Bussy lebt Lucille (Michelle Williams) bei ihrer Schwiegermutter Madame Angellier (Kristin Scott Thomas), einer kaltherzigen Frau, die als Großgrundbesitzerin von den Pachtzinsen zunehmend verarmender Bauern lebt. Lucilles Mann Gaston ist im Krieg, was es erst recht schwierig macht, als die Wehrmacht das Dorf einnimmt und der Offizier Bruno von Falk (Matthias Schoenaerts) im Haus der Angelliers einquartiert wird. Während die Schwiegermama uneingeschränkte Verachtung des Feindes fordert, sieht sich Lucile zu dem belesenen, musikalischen Deutschen hingezogen, der ihr mit einem Maß an Aufmerksamkeit begegnet, dass sie seit langem vermisst hat.

Doch während sich Lucile und Bruno immer näher kommen – was Lucile im Dorf schnell den Ruf einer Hure einträgt – nimmt der Druck der Deutschen auf die Bevölkerung immer mehr zu. Besonders der junge Offizier Kurt (Tom Schilling) tut sich dabei hervor und macht sich wenig subtil an eine Bäuerin ran. Als deren Mann Benoit (Sam Riley) Kurt im Affekt tötet, soll der Bürgermeister (Lambert Wilson) den Schuldigen ausliefern, andernfalls wird er selbst hingerichtet. Und während die Deutschen die Gegend durchkämmen, sieht sich Lucile zwischen Liebe und Widerstand hin- und her gerissen.

Großes Drama strebt Saul Dibb in seiner Romanverfilmung an, Pathos und Emotionen, Liebe und Krieg. So dick trägt er dabei jedoch auf, dass gerade die zentrale Liebesgeschichte, mit ihren versteckten Blicken, einem ad infinitum wiederholten, tragischen Klaviermotiv, gestohlenen Küssen im Rosengarten, mehr an eine Soapopera erinnert, als wie ein ernstzunehmender Kinofilm. Die kommerziell zwar nachvollziehbare, künstlerisch aber fragwürdige Entscheidung, fast sämtliche Franzosen mit englischen oder amerikanischen Schauspielern zu besetzen und Deutsche und Franzosen Englisch sprechen zu lassen, trägt zum unguten Gefühl bei.

Das ist umso bedauerlicher, als „Suite francaise“ manche Qualitäten besitzt, von der überzeugenden Ausstattung bis zu den noch auf 35 Millimeter gedrehten Bildern. Vor allem aber in seiner unterschwelligen Darstellung von Fragen der Kollaboration, des individuellen Widerstands und der oft falschen Vorurteile. Wenn sich da Lucile immer noch finsteren Blicken ausgesetzt sieht, die in ihr die Hure eines deutschen Soldaten sehen, auch wenn sie schon längst begonnen hat, ihr Leben zu riskieren und dem flüchtigen Benoit zu helfen, erzählt das viel über die Schwierigkeiten, die viele Frauen aus den besetzten Ländern nach dem Krieg hatten. Zumal hier, weitab der eigentlichen Front im Osten, von den Schrecken des Holocaust ganz zu schweigen, die deutschen Soldaten auch ganz normale Menschen sein konnten. Dass trotz mancher deutscher Schauspieler in der Besetzung – neben Tom Schilling vor allem Heino Ferch – der zentrale, der „gute“ Deutsche ausgerechnet vom Belgier Matthias Schoenaerts gespielt wird, ist durchaus ironisch. Vielleicht aber auch passend, denn angesichts der tatsächlichen Schrecken des Krieges, die in „Suite Francais“ nur am Rande angedeutet werden, wirkt die zentrale Liebesgeschichte dieses merkwürdigen Melodrams umso anachronistischer.
 
Michael Meyns