Sunrise

Ganz weit weg vom Bollywood-Kino ist Partho Sen-Guptas „Sunrise“, ein indischer Neo-Noir, der komplett ohne Gesang und Tanz auskommt und statt dessen tief in die Abgründe einer Gesellschaft blickt, in der jedes Jahr zehntausende Kinder verschwinden und sexueller Missbrauch alltäglich ist. Ein nicht nur stilistisch außerordentlicher Film.

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Arunoday
Indien 2014
Regie: Partho Sen-Gupta
Buch: Yogesh Vinayak Joshi, Partho Sen-Gupta
Darsteller: Adil Hussain, Komal Gupta, Tannishtha Chatterjee, Esha Amlani Ashalata Wabgaonkar
Länge: 85 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 20. August 2015

FILMKRITIK:

Aus einem Traum oder besser gesagt einem Albtraum erwacht Inspektor Joshi (Adil Hussain) zu Beginn, doch auch die Realität wirkt nicht weniger traumhaft. Der unaufhörliche Monsunregen in Mumbai trägt zur unwirklichen Atmosphäre bei, lässt Realität und Phantasie verwischen, verleiht den Figuren etwas Schlafwandlerisches. Zumal es nie Tag ist in der düsteren Welt, die der indische Regisseur Partho Sen-Gupta in seinem zweiten Film „Sunrise“ zeigt, der zwar nicht in einer Nacht spielt, aber doch wie ein langer, nie enden wollender Albtraum wirkt.
 
Es dauert eine ganze Weile, bis die Bruchstücke der Handlung sich zu einer gewissen Klarheit formen, bis man begreift, dass Joshi nicht nur Polizist ist, der in den finsteren Gassen Mumbais Verbrecher jagt, sondern auch persönlich Opfer eines Verbrechens geworden ist: Vor Jahren ist seine Tochter Aruna (Komal Gupta) verschwunden, vielleicht entführt, vielleicht einem Menschenhändlerring zum Opfer gefallen. Auch Jahre später hat Joshi die Hoffnung nicht aufgegeben, seine Tochter wieder zu finden, während seine Frau Leela (Tannishtha Chatterjee) vor Verzweiflung fast wahnsinnig geworden ist.
 
In der Polizeistation scheint Joshi der einzige zu sein, dem das Schicksal verschwundener Kinder nahe geht. Seine Kollegen nehmen die Meldungen neuer Entführungen kaum noch zur Kenntnis, allein Josju horcht auf, als er von Naina (Esha Amlani) erfährt, die so alt ist wie seine Tochter war, als sie verschwand. Fieberhaft ermittelt er, veranlasst Razzien in stadtbekannten Bordellen und hat besonders den Nachtclub Paradise im Auge, in dem junge Mädchen auf der Bühne tanzen und meistbietend an feiste Männer versteigert werden, die ihnen johlend Geldscheine zuwerfen.
 
Ob dieser Nachtclub wirklich existiert oder nur ein Auswuchs von Joshis Imagination ist bleibt offen. Enge Tunnel, durch die Joshi bald kriechen wird, um zahlreiche entführte und zur Prostitution gezwungene Mädchen zu retten, lassen psychoanalytische Lesarten zu, erinnern an die surrealen Bilderwelten eines David Lynchs. Auch wenn „Sunrise“ ein akutes Problem der indischen Gesellschaft behandelt – eine Schrifttafel erklärt, dass jährlich unvorstellbare 100.000 Kinder verschwinden – ist er doch kein sozialrealistischer Film.
 
Visuell ist er dunkler als es die meisten Film Noirs oder Neo-Noirs je waren, sind Unmengen von glitzernden Lichtern zu sehen, die sich in Pfützen spiegeln und die langen Schatten, die durch die engen Gassen huschen noch verstärken. Und nicht zuletzt ist es die Tonspur, die das unwirkliche Gefühl noch verstärkt: Ein stetes Brummen und Wummern ist da zu hören, Töne, die direkt aus dem Unterbewusstsein zu kommen scheinen. All das macht Partho Sen-Guptas „Sunrise“ zu einem vor allem visuell eindrucksvollen Film, der sich nicht nur durch seinen surrealen Stil deutlich von den verklärenden, kitschigen Bollywood-Filmen absetzt.
 
Michael Meyns