Sunset Over Hollywood

Feinstes Cineastenfutter bietet Uli Gaulkes Dokumentarfilm über eine Seniorenresidenz für Filmschaffende am Rande von Hollywood. Mit finanzieller Unterstützung von Stars wie George Clooney und Jodie Foster verbringen hier alte Menschen ihren Lebensabend, die im Filmbusiness ihr Geld verdienten – vor oder hinter der Kamera. Nun sind sie alt, aber keineswegs untätig. Sie arbeiten an Biographien und Drehbüchern, und vor allem erzählen sie wunderbare Geschichten. Uli Gaulkes ruhiger Film vereint die Goldenen Zeiten Hollywoods mit den schönsten Seiten des Altwerdens zu einer unterhaltsamen Reise zwischen damals und heute.

Webseite: sunset-over-hollywood.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2018
Regie: Uli Gaulke,
Buch: Uli Gaulke, Marc Petzke
95 Minuten
englische OF mit deutschen UT
Verleih: Piffl Medien GmbH
Kinostart: 23. Mai 2019

FILMKRITIK:

Das Motion Picture and Television Fund Home, kurz MPTF, liegt auf einem riesigen Gelände in Hollywood, nicht weit entfernt von den Warner Bros. Studios. Es wurde von Charlie Chaplin, Mary Pickford, Douglas Fairbanks und D. W. Griffith begründet und existiert seit beinahe 100 Jahren. Hier leben alte Leute, die im Filmbusiness tätig waren. In den Mittelpunkt der Handlung stellt Uli Gaulke die Bewohner der Einrichtung, und zwar vor allem die Mitglieder einer Gruppe für kreatives Schreiben, die sich regelmäßig treffen und an Film- oder Buchideen arbeiten. Es gibt ein eigenes kleines Filmstudio und natürlich auch ein Kino. Da wird noch einmal „Casablanca“ geschaut und gemeinsam überlegt, wie die Geschichte wohl weitergehen könnte, wenn sich Rick und Ilsa wiedertreffen. Die witzige Grundidee von Rick, der eine schwule Beziehung mit Capitaine Renault eingeht, und Ilsa, die Nonne wird, findet sich in der Eingangssequenz wieder – so wie übrigens auch andere bekannte Bilder aus großen Filmklassikern unverhofft im Film auftauchen. Dennoch ist Uli Gaulkes Dokumentation alles andere als eine Reminiszenz oder womöglich albern, sondern eine zwar oft vergnügliche, aber dennoch ernsthafte Reise in das alte Hollywood und in die Biographien der Menschen, die es gestaltet haben.
 
Uli Gaulke, ein erfahrener, vielfach ausgezeichneter Dokumentarfilmer (u. a. Lola für „Havanna Mi Amor“), hat sich dafür entschieden, beinahe ausschließlich die schönen Seiten des Altwerdens zu zeigen. Das ist natürlich akzeptabel, führt aber auch dazu, dass das Bild unvollständig bleiben muss. In seinem Film finden sich ausschließlich geistig rege Seniorinnen und Senioren, die manchmal in geradezu beängstigend guter Form sind. Das Pflegepersonal, das sicherlich für viele notwendig ist, wird komplett ausgespart. Einmal fährt die Kamera an der Palliativstation vorbei, doch weder dies noch Pflegebetten oder ärztliche Hilfe wird thematisiert. Über Krankheiten macht man sich höchstens lustig, niemand jammert. Den Bewohnern ist anzumerken, wie dankbar sie sind, hier leben zu dürfen. Kein Wunder, denn die Anlage ist wunderschön. Dabei wurde sie zur Unterstützung bedürftiger Filmleute geschaffen und existiert heute dank der Spenden von Stars wie Jodie Foster und George Clooney. Doch von der Geschichte der Einrichtung und von ihrer heutigen Situation erfährt man leider sehr wenig. Als eine Art roter Faden fungieren die Projekte der Bewohner: das Sequel zu „Casablanca“ sowie ein Weihnachtsmann-Film. Beides hält die Handlung dramaturgisch etwas zusammen, doch verblassen diese beiden Filmideen gegen die Geschichten der Bewohner. In gemächlichem Tempo und sparsam begleitet von melancholischen Rhythmen zeigt Uli Gaulke seine Version vom alten Hollywood. Liebevoll setzt er dabei Tricks und Effekte ein, er spielt mit Formaten, Filmausschnitten und witzigen Verweisen. Das macht dann sehr viel Spaß.
 
Wenn man die fröhlichen alten Zausel auf ihren Elektrorollstühlen durch die Anlage fetzen sieht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Arbeit beim Film jung hält. Viele sind über 90, die Schauspielerin Conny Sawyers ist sogar 103 Jahre alt und immer noch aktiv. Auch Daniel Selznick lebt hier, einer der Söhne von David O. Selznick, der zum Mitentdecker von George Lucas wurde. Einige Ehepaare treten ebenfalls auf, wie die Rogosins. Joel Rogosin war TV-Produzent und Deborah Psychotherapeutin. Sie kabbeln sich ständig, am liebsten über den Titel ihres gemeinsamen Buches über die glückliche Ehe. Manches mag ein bisschen Show sein, aber das gehört schließlich dazu. Hier, wo sich gestern und heute treffen, gibt es genug Möglichkeiten, den alten Zeiten nachzuhängen, sich gemeinsam zu erinnern und Geschichten auszutauschen, doch die Gegenwart ist mindestens ebenso wichtig. Es gibt sogar eine Liebesgeschichte mit einem Happy End. Und spätestens bei dieser Hochzeit treffen sich Vergangenheit und Gegenwart mit der Zukunft, die für alte Menschen vielleicht weniger ungewiss ist als für die Jungen, aber genauso spannend.
 
Gaby Sikorski