Swans

Vater und Sohn kommen aus Portugal nach Berlin, um eine Frau im Koma zu sehen. Die Konfrontation mit einer alten Beziehung und einer nie gesehenen Mutter führt bei den verschlossenen Männern nicht zu einem Ausbruch der Gefühle – sie setzen ihr stummes Nebeneinander fort. Der alternde Mann kämpft mit Schlaflosigkeit, der Teenager entdeckt die HipHop-Szene und seine Sexualität. Mit der Konzentration auf eine eindrucksvolle, winterliche Atmosphäre erzählt der aus Portugal stammende Regisseur Hugo Vieira da Silva ohne große Erklärung oder lange Dialoge.

Webseite: www.salzgeber.de

Deutschland, Portugal 2011
Regie: Hugo Vieira da Silva
Darsteller: Kai Hillebrand, Ralph Herforth, Maria Schuster
Länge: 126 Min.
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 14.07.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Er hatte seine Mutter nie gesehen. Nun liegt sie in der Kälte eines Berliner Krankenhauses und im Koma vor ihm. Der Teenager Manuel (Kai Hillebrand) wuchs mit seinem deutschen Vater Tarso (Ralph Herforth) in Portugal auf und kam mit diesem nur widerwillig in den kühlen Norden. Das distanzierte Verhältnis zum Vater, die Verlorenheit in einer fremden Stadt und die Überforderung angesichts der Todesnähe eines unbekannten Körpers machen den Jungen noch verschlossener. Dass der mit Schlaflosigkeit kämpfende Tarso jeden Abend vor einem Sportsender auf der Couch dahindämmert, befördert die Kommunikation der beiden Männer auch nicht sehr. In Portugal hatte Manuel bereits eine eigene Wohnung, bekam väterlichen Vertrauensvorschuss und finanzielle Förderung für ein künstlerisches Projekt, von dem er nicht erzählen will. Nun hocken beide zusammen in der Wohnung der Mutter. Deren mysteriöse Freundin Kim, eine Stewardess, ist so gut wie nie zu sehen. Dafür im Zimmer geheimnisvolle, sexuelle Accessoires wie Masken und Latex-Anzüge. Sexualität erscheint ebenso wie die Stadt ein fremdes Territorium zu sein. Mehr als Ventil denn als Attitüde lässt sich so auch die HipHop-Szene verstehen, zu der es Manuel zieht. An das nächtliche Skaten, Sprayen und den deutschen Rap kann der entwurzelte und haltlose Junge aus Lisabon andocken.

Eine Spray-Aktion führt zur Verhaftung. Tarso muss dem Polizisten eine unkonventionelle familiäre und staatsbürgerliche Situation erklären. Gleichzeitig soll eine esoterisch angehauchte Akupressur Petra (Maria Schuster), die von der konventionellen Medizin aufgegeben wurde, noch erreichen. Und auch Manuel sucht über körperlichen Kontakt Nähe zur fremden Mutter, was heftige Reaktionen hervorruft.

„Swans“, der das diesjährige Forum der Berlinale eröffnete, ist ein atmosphärisch kühler, aber auch starker Film über Männer und ihre blockierte Körperlichkeit. Nieman(n)d kann hier seine Gefühle einfach ausdrücken oder Nähe zeigen. „Be tough“ steht auf dem Hoodie, dem Kapuzenpullover von Manuel. Der Winter in der Stadt verstärkt das unwirtliche Empfinden. Das plötzliche Koma einer Freundin und die Schwierigkeiten mit diesem Zustand umzugehen, inspirierten Hugo Vieira da Silva ebenso zu diesem Film, wie die Eindrücke beim ersten Berlin-Aufenthalt des Portugiesen. Der körperliche Kontakt zu einem nach medizinischen Kriterien empfindungslosen Wesen verwirrte den Regisseur nachhaltig.

Seine besondere Atmosphäre und Stimmung verdankt der meist nächtlich spielende Berlin-Film „Swans“ zum großen Teil den unterkühlten Bildern von Kameramann Reinhold Vorschneider. Der Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) arbeitete unter anderem bereits mit Benjamin Heisenberg, Angela Schanelec, Maria Speth und Rudolf Thome zusammen. So entziehen sich die kalten, klaren und manchmal bewusst flachen Bilder ebenfalls der Körperlichkeit. Diese Art, Geschichten zu erzählen, ohne große Erklärungen oder lange Dialoge, mag nicht jedermanns Ding sein. Doch Hugo Vieira da Silva schafft mit diesen speziellen Mitteln eine eindringliche Gefühlswelt der blockierten Gefühle. Der portugiesische Autor und Regisseur (geboren 1974 in Porto) studierte an der ESTC (Escola Superior de Teatro e Cinema) in Lissabon und kam als Stipendiat des Nipkow-Programms nach Berlin. „Body Rice“ hieß 2006 sein, vom berühmten Paulo Branco produziertes Spielfilm-Debüt. Aktuell lebt Hugo Vieira da Silva in Wien und Berlin. Auch auf seinen nächsten Film darf man gespannt sein.

Günter H. Jekubzik

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