Sweet Country

Australien, Northern Territory, 1929: Nachdem das Aborigine-Paar Sam und Lizzie einen australischen Kriegsheimkehrer in Notwehr erschießen, fliehen sie in die Weiten des Outbacks. Im so kargen wie pittoresken Panorama von Sand- und Salzwüste verschweißt Regisseur Warwick Thornton Western-Motive mit einer Meditation über einen gescheiterten Übergang in die Moderne.

Webseite: grandfilm.de/sweet-country/

Australien, 2017
Regie: Warwick Thornton
Darsteller: Bryan Brown, Hamilton Morris, Ewen Leslie, Natassia Gorey-Furber, Sam Neill
Länge: 113 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 27. September 2018

FILMKRITIK:

Auf eine improvisierte Leinwand wird der Western-Klassiker „Die Geschichte der Kelly-Bande“ projiziert. Das Kino, das um das gespannte Tuch aufgebaut wurde, liegt im Staub. Für einen Moment scheint es, als hätte die Moderne über eben diese Leinwand ihren Weg in das australische Northern Territory gefunden. Doch kurz nachdem das Cinema Paradiso vor dem Saloon wirklich beginnen kann, bereitet ihm Sergeant Fletcher (Bryan Brown) ein jähes Ende. Im Vorbeireiten reißt der Gesetzeshüter die Leinwand runter. Von den Zuschauern kommt kein Protest. Flechters Hand ist die Autorität im diesen abgelegenen Teil Australiens. Eine Szene, die sinnbildlich für einen gescheiterten Übergang in die Moderne steht, der besonders für die indigene Bevölkerung eine schmerzhafte Lebensrealität ist. Sie sind den Siedlern vor dem Gesetz der britischen Krone gleichgestellt, doch der Arm des Gesetztes folgt noch immer der archaischen Struktur, die Männer wie Fletcher vertreten. In der Kleinstadt gibt es weder einen Gerichtssaal noch eine Kirche. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind hier leere Begriffe.
 
So sind auch die Aborigines Sam Kelly (Hamilton Morris) und seine Frau Lizzie (Natassia Gorey Furber) dem Willen der Siedler frei ausgeliefert. Zwar arbeiten beide quasi gleichgestellt auf dem Hof des frommen Fred Smith (Sam Neill), doch auch dieser kann sie nicht davor bewahren, für einige Arbeitstage auf den Hof des Kriegsrückkehrers Harry March (Ewen Leslie) abgestellt zu werden. Hier teilen beide das Schicksal, das einem Großteil der indigenen Bevölkerung zuteil wird. Sie sind Sklavenarbeiter. March benutzt Sam und Lizzie nicht nur als billige Arbeitskräfte, er lebt seinen, vom Kriegstrauma befeuerten, Sadismus an ihnen aus. In einer bitteren Reminiszenz an John Fords „The Searchers“ schließt der Veteran aus dem Ersten Weltkrieg die Fenster seiner Hütte, bis seine Silhouette in der Dunkelheit der Hütte verschwindet. Im Schatten der eigenen vier Wände vergewaltigt er Lizzie. Kurz darauf wird Sam ihn töten – in Notwehr.
 
Trotz ihrer Unschuld müssen Sam und Lizzie fliehen. Im Dorf wird eine Gruppe zusammengestellt, die die flüchtigen Aborigines fangen und vor Gericht stellen soll. Erneut spielt Regisseur Warwick Thornton mit dieser Handlungskonstellation auf John Fords Klassiker an. Doch die Jagd ist eben nicht auf eine Konfrontation zwischen Kolonialstreitkräften und Ureinwohner angelegt. Das Panorama des Outbacks scheint jede Möglichkeit eines Duells auf eine absurde Vorstellung zu reduzieren. In den mit rotem Sand und Salz bedeckten Wüstenlandschaften ist kein Platz für rechtschaffene Missionen oder Wildwest-Romantik. Vom Frontier-Mythos bleibt nur die Idee eines gescheiterten Umbruchs aus der Kolonialzeit übrig.
 
Australien blickt in „Sweet Country“ gleichzeitig auf eine traumatische Vergangenheit und eine scheiternde Zukunft. In kurzen Inserts, die die Handlung immer wieder unterbrechen, wird dieser Blick durch die Augen der Figuren manifest: Die Aborigines sehen hier ein Leben in Ketten oder in den Blutlachen ihrer Verwandten, die Weißen ihre traumatischen Kriegserfahrungen. So ist Thorntons Film unverkennbar ein Western und zugleich eine Reflexion über die Kolonialära Australiens. Besonders dort wo Wildwest-Motive auf die Andeutungen einer modernen Gesellschaftsstruktur treffen, findet Regisseur Thornton, der selbst indigener Abstammung ist, zu der bitteren Konsequenz, die sich aus dieser Vermengung erwächst. Aus dem urbanen Teil Australiens wird ein Richter im Auftrag der englischen Krone beordert, um im Fall Harry March ein Urteil zu sprechen. Der Prozess findet genau dort statt, wo vor wenigen Tagen noch das improvisierte Kino aufgebaut war. Wieder werden Stühle vor den Saloon gestellt. Wer hier keinen Platz findet, lauscht dem Treiben mit einem Bier in der Hand von der Terrasse des Saloons und lässt sich für seine Respektlosigkeiten vom Richter zur Ordnung rufen. Und doch läuft das, was aussieht wie ein Scheinprozess ganz nach den Regeln der englischen Krone ab. Die Zeugen sprechen die Wahrheit und der Richter scheint ein aufrichtiges Interesse an einem fairen Prozess zu haben. Vor dem Gesetz sind alle gleich, doch – und das ist die bittere Erkenntnis, die Sam und Lizzie schon vor ihrer Flucht hatten – wird eben nur denen die Barmherzigkeit zuteil, die im rostfarbenen Staub des modernen Australiens die Waffen in der Hand halten.
 
Karsten Munt