Sworn Virgin

In ihrem unter anderen beim Tribeca Festival 2015 mit dem Preis für den besten Spielfilm ausgezeichnetem Debüt erzählt Laura Bispuri von einem jungen Mann, Mark, der einst eine junge Frau namens Hana war. Um der traditionellen Frauenrolle und einer arrangierten Ehe zu entgehen, hat Hana den „Schwur ewiger Jungfräulichkeit“ abgelegt und wird von der Dorfgemeinschaft in den nordalbanischen Bergen als Mann behandelt und respektiert. Als Mark/Hana dann nach Italien zu ihrer Kusine Lila auswandert, eckt sie auch dort mit ihrer Geschlechteridentität an und muss erneut herausfinden, wer sie ist und wie sie leben möchte.

Webseite: www.drei-freunde.de

OT: Vergine giurata
Deutschland/Frankreich/Italien/Schweiz/Albanien 2015
Regie: Laura Bispuri
Buch: Francesca Manieri, Laura Bispuri
Darsteller: Alba Rohrwacher, Lars Eidinger, Ilire Vinca Celaj, Flonja Kodheli, Luan Jaha, Bruno Shllaku, Emily Ferratello
Länge: 90 Minuten
Verleih: drei-freunde
Kinostart: 23. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

 „Man trinkt nicht vor einem Mann. Man raucht nicht. Man rührt kein Gewehr an. Man spricht nicht vor einem Mann. Man geht nicht ohne einen Mann in den Wald. Man wählt seinen Mann nicht aus. Man macht keine Männerarbeit. Man schaut einen Mann nicht an und denkt dabei, er habe Unrecht. Man wählt nicht, bevor der Mann gewählt hat.“ Wie ein Gebet zählt die Mutter in einer Szene den beiden Kusinen Hana und Lila auf, welche Regeln hier, im abgelegenen bergigen Norden Albaniens, für sie gelten. Ein Alptraum für Frauen. Als sie verheiratet werden soll, brennt Lila mit ihrem Liebsten nach Italien durch. Für Hana (Alba Rohrwacher) kommt Weggehen nicht in Frage, zu sehr hängt sie an den dramatischen, kargen Bergen, dem reißenden, eiskalten Fluss, dem Wind und Wetter, und an ihrem Vater, der ihr das Schießen beibringt. Sie wählt einen anderen Weg, den ihr die Traditionen der Gemeinschaft ermöglichen: Sie schwört, ewig Jungfrau zu bleiben und wird dafür als Mann akzeptiert. Sie heißt von nun an Mark.

Doch all das liegt in der Vergangenheit und wird nach und nach in vielen Rückblenden eingeflochten. In der Gegenwart verlässt ein schweigsamer junger Mann mit den Gesichtszügen einer Frau die albanischen Berge und macht sich auf den Weg nach Rom, um dort ein neues Leben anzufangen. Es ist Mark, der ehemals Hana war. Seine Kusine Lila nimmt ihn auf und Mark muss sich in einem neuen Leben in der Großstadt zurechtfinden. Aber auch alle anderen müssen sich mit Mark zurechtfinden. So wie es in der traditionellen Dorfgemeinschaft keine Kategorie gab für ein Mädchen, das schießen und reiten wollte gab, so gibt es auch hier keinen rechten Ort für einen wie Mark, der mehr schaut als redet, der sich die Brüste wegbindet aber kein Transsexueller ist, dem männliches Gebaren vertrauter ist als weibliches, aber der auf Männer steht.

SWORN VIRGIN erzählt davon, wie Mark/Hana vorsichtig ihre Identität zwischen den Gendern auslotet und dabei auch darauf beharrt, die Fremdheit und Einzigartigkeit zu bewahren.  Was immer Mark ist, ist komplexer als die Zuschreibung als Mann, Frau oder Transperson, als hetero- oder homosexuell. Besonders schön erzählt das der Film, der wenig mit Worten und viel mit Blicken und Stimmungen arbeitet, in einem Bild: Lilas Tochter Jonida macht Synchronschwimmen, Mark begleitet sie oft ins Schwimmbad. Einmal filmt die Kamera die Choreografie aus der Unterwasserperspektive. Während über Wasser die gut sortierten menschlichen Figuren zu sehen sind, sieht man, wie die Schwimmerinnen unten wild mit Armen und Beinen wedeln, um das perfekte Bild herzustellen. Die harmonische Fassade ist nur die Spitze des Eisbergs, darunter herrscht Chaos.

Hendrike Bake