Sympathisanten – Unser deutscher Herbst

Wie weit kann und darf die Unterstützung von einer Bewegung gehen, deren Ziele man vielleicht grundsätzlich gutheißt, deren Methoden man aber zunehmend ablehnt? Vor dieser Frage standen im Lauf der 70er Jahre viele Linke, die sich fragen mussten, wann die Zeit gekommen war, sich von der RAF zu distanzieren. Eine Frage, die Regisseur Felix Moeller in seiner nachdenklichen Dokumentation „Sympathisanten – Unser deutscher Herbst“ seinen Eltern stellvertretend für eine ganze Generation stellt.

Webseite: http://sympathisanten-derfilm.de

Dokumentation
Deutschland 2017
Regie: Felix Moeller
Länge: 100 Minuten
Verleih: NFP/Filmwelt
Kinostart: 24. Mai 2018

FILMKRITIK:

Die Eltern des Historikers und Filmemacher Felix Moeller (zuletzt lief von ihm „Verbotene Filme“ im Kino) sind nicht irgendwer, sondern zwei der berühmtesten Namen des Neuen Deutschen Films: Seine leibliche Mutter ist die Schauspielerin und spätere Regisseurin Margarethe von Trotta, sein Stiefvater der Regisseur Volker Schlöndorff. Als 13 bzw. 15jähriger spielte Moeller  kleine Rollen in den Filmen „Das zweite Erwachen der Christa Klages“ und „Die bleierne Zeit“, zwei Filme, in denen sich Margarethe von Trotta mit dem so genannten Deutschen Herbst und noch allgemeiner mit dem Terrorismus der RAF und den Reaktionen der Gesellschaft auf ihn beschäftigte. Auch Volker Schlöndorff drehte in diesen Jahren Filme zum Thema, die Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ etwa oder Teile von „Deutschland im Herbst“. Doch nicht nur als Regisseure beschäftigten sich von Trotta/Schlöndorff mit dem Thema, sie waren als Linke, als Intellektuelle Teil einer Gruppe, der von konservativen Kreisen in Deutschland bald als Sympathisanten bezeichnet, um nicht zu sagen: diffamiert wurde.
 
Als Humus, auf dem der so genannte bewaffnete Kampf erst gedeihen konnte, bezeichneten Politiker der CDU oder CSU diese Intellektuellen, warfen selbst einem ausgewiesenen Humanisten wie Heinrich Böll vor, gefährlicher als Baader-Meinhof zu sein. Komplett aus der Luft gegriffen waren die Vorwürfe nicht, so klein war die Gruppe der führenden 68er in Berlin, München oder Frankfurt, dass sich die führenden Köpfe oft kannten, sowohl die wenigen, die bald in den Untergrund gingen, als auch jene, die Filme machten, Romane schrieben oder in die Politik gingen.
 
Dass es auch später teilweise direkte Begegnungen zwischen diesen beiden Gruppen gegeben hat, deuten sowohl der Autor Peter Schneider, als auch von Trotta an, die ihrem Sohn berichtet, einst einen Koffer aufbewahrt zu haben. Für wen, das verrät sie nicht, nur dass die betreffende Person tot ist, erfährt man, was den Kreis der Möglichkeiten deutlich limitiert. Klein war die Gruppe der Terroristen ohnehin stets, die von ihnen ausgehende Gefahr für den deutschen Staat realistischerweise gering, was die extreme Reaktion von Seiten der Regierung, der Polizei, aber auch der konservativen Medien, vor allem der Springer-Presse umso unverhältnismäßiger wirken lässt. Eine Tatsache, die die Terroristen für ihre Zwecke zu nutzen wussten, die es ihnen leicht machte, sich als Opfer zu gerieren und auch dann noch Sympathie einzufordern, als sie sich mit Bombenanschlägen und Mordanschlägen längst moralisch desavouiert hatten.
 
Von diesem Zwiespalt handelt Felix Moellers Film im Kern, der manchmal etwas zu sehr biographischer Film über die Mutter ist, aber immer dann große Qualitäten gewinnt, wenn er abstrakter, universeller wird. Von moralischen Ambivalenzen erzählt er dann, von einer schwierigen Abnabelung von Menschen, mit denen man einst vielleicht gemeinsam auf Demonstrationen ging, deren Werte man im Kern teilte, die sich dann aber auf einen unmenschlichen Weg begaben, dem man nicht mehr folgen konnte.
 
Michael Meyns