Tage und Wolken

Der italienische Regisseur Silvio Soldini („Brot und Tulpen“) erzählt in „Tage und Wolken“ von einem Ehepaar, dass durch die plötzliche Arbeitslosigkeit des Hauptverdieners den Gürtel enger schnallen muss. So eng allerdings, dass die Genueser Altstadtwohnung einem einfacheren Appartement im Arbeiterviertel weichen und auch der bisherige Lebensstil überdacht werden muss. In der genau beobachteten Studie eines sozialen Abstiegs gefällt dabei insbesondere Margherita Buy als dem Schicksal die Stirn bietende Frau.

Webseite: www.movienetfilm.de

(Originaltitel: Giorni e Nuvole)
Italien/Schweiz 2007
Regie: Silvio Soldini
Darsteller: Margherita Buy, Antonio Albanese, Giuseppe Battiston, Alba Rohrwacher, Carla Signoris
115 Minuten
Verleih: Movienet (Start: 9.10.2008)

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Um seine Frau Elsa (Margherita Buy) in der Endphase ihrer Promotion als Kunsthistorikerin nicht ihrer Konzentration und Energie zu berauben, lässt Michele (Antonio Albanese) sich nicht anmerken, dass er eigentlich bereits seit ein paar Wochen schon ohne Job ist. Erst am Tag nach der Diplomfeier lässt er die Katze aus dem Sack und gesteht ihr, dass ihn die jüngeren Firmenpartner auf die Straße gesetzt haben. Silvio Soldini hält sich nun gar nicht lange auf mit neuer Jobsuche, sondern leitet den Abschied vom bislang gehobenen Lebensstil ohne Umschweife ein. Dass in dieser Geschichte alles ein bisschen plötzlich geschieht, daran sollte man sich nicht stören, entscheidend ist ja vielmehr die Frage: wie geht das Paar mit der Situation des unvermeidlichen sozialen Abstiegs um.

Der Auszug aus dem großzügigen Altstadtbau in eine kleinere Wohnung außerhalb von Genuas Zentrum mag da noch der leichteste Teil der Übung sein. Schwieriger ist hingegen der Effekt auf das Gemüt. Michele schneidet in dieser Hinsicht gar nicht gut ab, er lässt sich hängen, ist unmotiviert und einfach nur lasch, Abwechslung versprechen bei ihm lediglich gelegentliche Botenjobs und die in der neuen Nachbarschaft gut ankommenden Renovierungsgefälligkeiten. Sein Missmut über das unfreiwillig erlittene Schicksal mag aber auch daher rühren, als Elsa sich in pragmatischer Art und Weise um Tätigkeiten als Telefonistin bemüht, die Lage also nicht verteufelt, sondern mit positiver Denke dagegen angeht.

Auf der Handlungsebene passiert so gesehen also gar nicht viel. Und doch weiß die universelle, durchaus auch in anderen Ländern denkbare Geschichte durch ihre einerseits zwar plötzliche Veränderung, andererseits aber sich den neuen Gegebenheiten anpassendes Verhalten zu gefallen. Silvio Soldini erweist sich dabei als ein guter Beobachter der kleinen psychologischen Auswirkungen des Ehepaares, das es ab und an doch nicht lassen kann, wie bislang gewohnt mit Freunden gut essen zu gehen. Dass der vormals als Hauptverdiener starke Mann eine Weile braucht, um sich in der neuen Rolle zurechtzufinden, diese Niedergeschlagenheit bringt Antonio Albanese ordentlich auf den Punkt – ein par komische Momente inklusive.

Dass man „Tage und Wolken“ als einen würdigen Nachfolger des ebenfalls von einer persönlichen Krise handelnden „Brot und Tulpen“ (2000) ansehen darf, dass ist allerdings zuvorderst das Verdienst von Margherita Buy. Ihr gelingt es, beflügelt vielleicht durch eine kleine Romanze am Rande, ihrem Leben trotz der aufgezogenen Wolken in völlig unaufgeregter Weise positive Seiten abzugewinnen. Es ist eben diese Fähigkeit, die „Tage und Wolken“ zu starken Momenten verhilft, eben gar nicht so temperamentvoll italienisch, wie man vielleicht meinen dürfte. Das bisschen Pathos, das Soldini in seinen Film gepackt hat, sei ihm darob verziehen. Ebenso der Fakt, dass es andere Schicksale gibt, die weitaus schlimmeres mitmachen und erleben müssen als das hier dargestellte Ehepaar.

Thomas Volkmann

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Elsa und Michele geht es gut – vorerst noch. Sie haben eine Tochter, leben in Genua im Wohlstand. Elsa hat ihr Kunststudium abgeschlossen, arbeitet als Restauratorin und konnte dabei sogar das unter Putz versteckte religiöse Gemälde eines alten Meisters entdecken. Die daraufhin gefeierte Party ist fröhlich, die Freude groß.

Doch dann kommt der Tiefschlag. Michele hat seine Arbeit verloren – schon zwei Monate ist das her. Der Lebensstandard muss eingeschränkt, die schöne großbürgerliche Wohnung verkauft werden. Die Tochter kann nicht helfen. Sie hat sich nach Ansicht der Eltern unter Wert mit einem Handy-Verkäufer zusammengetan; die beiden eröffneten ein kleines Restaurant.

Die Schulden wachsen. Elsa verdient ein Zubrot als Call-Center-Telefonistin und als Sekretärin. Bei Michele ist der gesellschaftliche wie mentale Fall besonders stark zu spüren. Aus purer Verzweiflung verdingt er sich sogar als Vespa-Kurierfahrer. Ob der zermürbenden Verhältnisse ist die Ehe von Elsa und Michele nicht unbeschädigt geblieben. Werden es die beiden trotzdem schaffen?

Silvio Soldini hat einst „Brot und Tulpen“ gemacht. Ein bestimmtes thematisches wie filmisches Niveau ist also auf jeden Fall von vornherein zu erwarten. Und das wird hier auch eingelöst: sowohl in Bezug auf die Realität, das heißt auf die insbesondere wegen der Globalisierung immer stärker gefährdeten Existenzgrundlagen als auch auf die sich daraus ergebenden seelischen Nöte; sowohl auf den materiellen und sozialen Abstieg als auch auf die eventuelle Gefährdung der Ehe, die er im Gefolge hat. 

Konsequent und unerbittlich mit gekonnter Regie zeichnet Soldini diesen zunächst pessimistischen Prozess. Doch nie im Leben darf ein Lichtblick fehlen – so auch hier nicht. Margherita Buy als Elsa und Antonio Albanese als Michele sind die richtigen Schauspieler, um dieses zeitweise vom Unheil bedrohte Paar darzustellen.

Thomas Engel