Tagundnachtgleiche

Melancholie als Lebenseinstellung: Der ungewöhnliche, atmosphärisch starke Film von Lena Knauss über einen Mann, der sich in der Sehnsucht nach seiner verlorenen Liebe aufzugeben droht, ist ein gelungenes Kinodebüt – Lena Knauss lässt ihren Helden Alexander von den höchsten Höhen der erfüllten Liebe in tiefste Abgründe fallen, aus denen er sich nur mühsam selbst befreien kann. Dennoch gelingt es ihr, Alexander und den gesamten Film sowohl von Kitsch als auch von Ironie fernzuhalten und das ernsthafte Porträt eines Mannes zu zeichnen, der in einer idealisierten Liebe vor allem sich selbst sucht.

Website: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland 2020
Homepage:
Buch und Regie: Lena Knauss
Darsteller: Thomas Niehaus; Sarah Hostettler; Aenne Schwarz; Godehard Giese; Ines Marie Westernströer
110 Minuten
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 07.01.2021

FILMKRITIK:

Alexander lebt allein, er hat gelegentliche Techtelmechtel mit einer Kneipenwirtin, und er repariert hauptberuflich Fahrräder. Gegenüber wohnt eine junge Frau, die er eines Tages trifft, als er aus dem Haus kommt. Er geht ihr nach und stellt fest, dass sie in einem Haus verschwindet – offenbar in einem Varieté-Theater mit dem Namen „Tagundnachtgleiche“. Zufällig trifft Alexander dort seinen Bruder nebst Schwägerin, aber vor allem sieht er seine Nachbarin gleich auf der Bühne wieder. Sie verzaubert Alexander mit ihrem Auftritt, so dass er sie nach der Vorstellung unbedingt wiedersehen will. Gemeinsam mit anderen Künstlern feiern die beiden eine wilde Party, die schließlich im Bett endet. So weit, so gut, so üblich.

Doch damit endet schon alles, was in der Kategorie Liebesfilm zum Standard gehört. Ab jetzt wird es ungewöhnlich, denn die Varietékünstlerin Paula stirbt bei einem Unfall nach der Liebesnacht. Alexander erfährt davon durch Zufall, weil er Paulas Schwester Marlene begegnet. Sie nimmt ihn mit zu ihren Eltern. Daraus entwickelt sich ein enger Kontakt und eine Freundschaft zwischen Marlene und Alexander. Er, der Paula nur ein paar Stunden kannte, steigert sich immer mehr in die Vorstellung der großen Liebe mit Paula hinein. Sie begegnet ihm in seinen Träumen und lässt ihn nicht mehr los, nicht einmal, als er merkt, dass Marlene sich zu ihm hingezogen fühlt. Seine Traurigkeit droht ihn ebenso zu überwältigen wie sein Wunsch, sich einer irrealen Vergangenheit hinzugeben, die er immer weiter idealisiert. Die Frage ist, ob es ihm gelingen könnte, vielleicht gemeinsam mit Marlene, dem selbstzerstörerischen Kreislauf des Liebesleids zu entkommen.

Mit sehr wenig Dialogen und einem ausgeklügelten visuellen Konzept findet Lena Knauss nicht nur zu Bildern einer ungewöhnlichen Liebe, sondern auch zu einem eindringlichen eigenen Stil, in dem sie die Lebensphilosophie der Thirtysomethings relativ schonungslos entlarvt. Alexander mischt in der Erinnerung immer mehr Wirklichkeit und Fantasie, er träumt sich seine Liebe zurecht – hier wird die romantische Vorstellung von einer Beziehung zwischen Mann und Frau gleichzeitig persifliert und konterkariert. Lena Knauss spielt dafür mit Traumsequenzen und Rückblenden, die manchmal erfunden, manchmal tatsächlich passiert sind. So schafft sie eine eigenartige, beinahe dekonstruktivistische Stimmung zwischen Fantasie und Wirklichkeit, die umso stärker wirkt, weil die Hauptfigur ein Mann ist. Eine Frau, die sich ihre große Liebe zusammenträumt, wäre wahrscheinlich deutlich uninteressanter und eine beinahe alltägliche Erscheinung. Dieser Mann jedoch macht sich selbst zum Märtyrer und scheint beinahe ebenso darunter zu leiden, wie er es genießt. Er spielt sich etwas vor und ist umgeben von Menschen, denen es prinzipiell nicht anders geht: ein Großkotz von Bruder, der nicht anders kann, als mit allem anzugeben, was er tut, eine Schwägerin, die mit festgefrorenem Lächeln spricht, Paulas Eltern, die ihre tote Tochter zum Idealbild eines Kindes hochstilisieren. Nur Marlene ist anders. Sie versteht ihn, sie könnte für ihn sein oder werden, was Paula nie war: eine Partnerin. Doch Alexander merkt das nicht, er ist gefangen in sich selbst, eigentlich ein unreifer Junge, der sich dagegen wehrt, erwachsen zu werden.

Thomas Niehaus spielt diesen Mann auf der Suche nach Identität, der großen Liebe und dem Sinn des Lebens mit feiner, leiser Melancholie. Er findet die Balance zwischen einer leicht fragilen Männlichkeit und einer gefühlsbetonten Softie-Attitüde, und es gelingt ihm mühelos, die gar nicht so sympathische Figur des Alexander mit Leben zu füllen. Sarah Hostettler spielt als Marlene ebenfalls sehr zurückgenommen, eher herb als lieb, aber mit großer Intensität und beinahe schüchterner Herzlichkeit. Ihre Trauer über den Tod der Schwester bleibt still, die großen, machtvollen Gefühle verharren hinter den Fassaden, das emotionale Chaos wird dadurch umso deutlicher, dass eben nicht darüber gesprochen wird. Stattdessen übernehmen die wunderbar ausgewählte Musik (Komposition: Moritz Schmittat) und die fantastische Kameraarbeit von Eva Katharina Bühler wichtige dramaturgische Aufgaben und sorgen mit für eine eigenwillige, aber irgendwie faszinierende Atmosphäre, die zusammen mit einem ausgeklügelten Drehbuch und einer gekonnten Inszenierung den Film zu einem sehr sehenswerten Erlebnis macht.

Gaby Sikorski