Talk to Me

Biopic, der nächste: Regisseurin Kasi Lemmons verfilmt die Lebensgeschichte von Petey Greene, der in den USA der 60er Jahre vom Häftling zum Radio-DJ und schließlich zum Sprachrohr einer ganzen Generation von Afro-Amerikanern wird, die in Zeiten der Rassenunruhen zum charismatischen Entertainer aufschauen. Ein kurzweiliger Ausflug in ein wichtiges Kapitel amerikanischer Kulturgeschichte mit Don Cheadle als Hauptdarsteller in hervorragender Spiellaune.

Webseite: www.senator.de

USA 2007
Regie: Kasi Lemmons
Buch: Michael Genet & Rick Famuyiwa
Darsteller: Don Cheadle, Chiwetel Ejiofor, Taraji P. Henson, Martin Sheen, Mike Epps, Cedric The Entertainer, Vondie Curtis Hall, Sean MacMahon, J. Miles Dale, Herbert L. Rawlings, Jr.
118 Minuten
Verleih: Centralfilm/Senator
Kinostart: 7.2.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die amerikanische Kulturgeschichte, vor allem der zweite Teil des 20. Jahrhunderts, ist ein wunderbares Sammelsurium von Persönlichkeiten, dessen Lebensgeschichten so rasant zwischen Glanz, Ruhm und Tragik hin und her pendelten, dass man sie am liebsten alle erzählen möchte. Nach und nach kamen sie bereits auf die Leinwand, die Storys von Muhammad Ali, Ray Charles, Bobby Darin, Johnny Cash, The Supremes, Truman Capote, nicht zu vergessen die Politikerbrüder John F. und Robert Kennedy sowie Richard Nixon. Sie alle kennt man hierzulande, doch schon einmal von Petey Greene gehört, der Hauptfigur aus „Talk To Me“?

 

Petey Greene (Don Cheadle) stammt aus einem ärmlichen Schwarzenviertel in Washington D.C. und sitzt in den 60er Jahren wegen bewaffneten Raubüberfalls im Gefängnis. Als Radio-DJ darf er zweimal am Tag für zwanzig Minuten die Mitgefangenen von seinem exzellenten Musikgeschmack, seiner Sprachfertigkeit und dem unschlagbaren Humor überzeugen. Hinter Gittern ist er ein Star, für den Radiomann Dewey Hughes (Chiwetel Ejiofor) in der Außenwelt zunächst nichts weiter als ein lästerndes, aber selbstbewusstes Plappermaul. Wieder auf freiem Fuß, gelingt es dem mittlerweile Ex-Gefängnis-DJ allerdings, dass ihm der Radiosender WLO einen Job gibt – unter kräftiger Mithilfe von Dewey Hughes, der die Beziehung der beiden auf den Punkt bringt: „Ich tue Dinge, die du dich niemals trauen würdest. Und du sagst Sätze, die ich mich niemals trauen würde auszusprechen.“ Fortan weicht keiner mehr von der Seite des anderen und Petey Greene wird schnell zum Star des Senders und der Stadt, denn in angespannten Zeiten der Rassenkonflikte und dem Attentat auf Martin Luther King spricht der neuen Radiomann die Wahrheiten und die Botschaften aus, die seine schwarze Hörerschaft hören will.

Auch wenn Kasi Lemmons Film die klassische Geschichte des American Dreams erzählt, bleibt Petey Greene der ganz große nationale Durchbruch verwehrt. Aus einem einfachen Grund: er hatte einfach keine Lust darauf, ein Star wie Bill Cosby oder Richard Pryor zu werden. Mit seiner Radioshow gab er sich zufrieden, die Karriere als Stand-Up-Comedian floppte. Den inneren Konflikt spart Regisseurin Lemmons fast ganz aus, einzig der übermäßige Alkoholkonsum macht dem Radio-DJ hin und wieder Probleme. Daher konzentriert sich der Film statt einer Charakterstudie mehr auf die ambivalente Männerfreundschaft zwischen Petey Greene und seinem Förderer Dewey Hughes, die aufgrund unterschiedlicher Wünsche und Ziele zum Scheitern verurteilt ist. Einem cool-dauerplappernden Don Cheadle als hyperaktives Sprachrohr bei seiner Arbeit zuzuschauen, erfüllt das Kinogängerherz mit Freude. Doch es ist wie mit den meisten Biopics: sie wollen und erzählen zu viel und haben Probleme damit, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Zwar ist „Talk To Me“ nicht ganz so ausufernd wie Taylor Hackfords „Ray“ oder Bill Condons „Dreamgirls“, dennoch treten in der Story mitunter Längen auf, die auch durch das rhetorische Feuerwerk von Don Cheadle nicht wettgemacht werden können. Insgesamt aber ein unterhaltsames Drama, das auf Rührseligkeit und Kitsch verzichtet und daher Freunden jüngerer, amerikanischer Kultur- und Musikgeschichte empfohlen sein will. Die freuen sich auch darüber, dass der Fundus an Persönlichkeiten, dessen Leben verfilmbar wäre, scheinbar noch lange nicht ausgeschöpft ist.  

David Siems    

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Eine wahre Geschichte aus dem Amerika der 60er und 70er Jahre, als Rassenunruhen an der Tagesordnung waren und die Bürgerrechtsbewegung kämpfte.

In Washington lebte damals der junge Schwarze Petey Greene. Er gehörte der Unterschicht an und kannte den Knast von innen sehr gut. Doch er machte im Gefängnis etwas aus seinem Leben. Er war jedenfalls für seine Mitgefangenen ein beliebter Disc Jockey.

Als er frei kam, wusste er, dass dies auch „draußen“ sein Beruf sein würde. Beim Rundfunksender WOL bewarb er sich, bei dessen farbigem Programmdirektor Dewey Hughes genau genommen. Wie Greene dabei vorging, entbehrte nicht der Unverfrorenheit. Nach der Katastrophe der ersten Sendung kam der Erfolg. Die Zustimmung und die Fanpost rissen nicht mehr ab. Warum?

Weil Petey Greene redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Weil er sagte, was er dachte. Weil er keine konventionelle und falsche Rücksicht nahm. Weil er die Sache der Afro-Amerikaner vertrat. Weil er sich nicht scheute, die Weißen zu kritisieren. Weil er schlagfertig und witzig war. Weil er so etwas wie ein Sprachrohr der Bevölkerungsmehrheit wurde.

Der emotionale und künstlerische Höhepunkt war seine Reaktion auf die Ermordung von Martin Luther King. Petey Greene auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Zwar meisterte der beliebte DJ noch viele Shows, Konzerte oder sonstige Veranstaltungen, doch eine von Dewey Hughes in New York organisierte Night Show ging gründlich daneben. Greene war außerdem Trinker, trennte sich von Hughes, begann an Krebs zu leiden. Erst viel später, zu spät, kamen die beiden noch einmal zusammen.

Ziemlich genau und lebendig werden Menschen, Epoche und Zeiterscheinungen geschildert. Drehbuch und Regie sind in dieser Beziehung Spitze. Petey Greene muss schon eine außergewöhnliche Persönlichkeit gewesen sein.

Ein Erlebnis wird dieser Film nicht zuletzt deshalb, weil Don Cheadle diesen Greene auf unüberbietbare Weise spielt: immer auf Trab, immer geistreich, immer nah an den Menschen, immer etwas Überzeugendes sagend. Und Chiwetel Ejiofor als Dewey Hughes sowie Taraji P. Henson als Greenes Geliebte Vernell Watson tun es ihm durchaus gleich.

Ein Film, der künstlerisch und von seinem menschlichen wie politischen Gehalt her ein Volltreffer ist. 

Thomas Engel