Tandoori Love

In der knallbunten Culture-Clash-Burleske fällt ein Bollywood-Filmteam in ein uriges Schweizer Alpendorf ein und bringt eine unmögliche Romanze in Gang. Regisseur Oliver Paulus setzt sich über Sehgewohnheiten hinweg und überrascht den Zuschauer mit einem Wechselbad der Stile und Gefühle, wagt einen Spagat zwischen schriller Komödie und dramatischer Liebesgeschichte und bedient sich dabei üppig-visueller bis grotesk-burlesker Mittel.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Schweiz/Deutschland/Österreich 2008
Regie: Oliver Paulus
Buch: Stefan Hillebrand, Oliver Paulus
D: Lavinia Wilson, Martin Schick, Vijay Raaz, Shweta Agarwal, Verena Zimmermann
Verleih: Arsenal Filmverleih
Länge: 92 Min.
Start: 27. Mai 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Vor schneebeckten Wipfeln unter glasklaren Himmeln leuchten Saris noch schöner. Rund 30 der über 800 Spielfilme, die Mumbais Studios pro Jahr produzieren, werden in der Schweiz gedreht. Die Alpenbewohner sind bekanntlich diskret und die Gipfel fast so schön wie in Kaschmir, Indiens mythenbehafteter Bergwelt, die aufgrund der politischen Unruhen als Drehort ausfällt. Seit über 20 Jahren liefert darum die Schweiz die lieblichen Hintergründe, was wiederum über eine Viertelmillion indische Touristen pro Jahr ins Berner Oberland lockt. Erstaunlich, dass sich erst so spät eine heimische Spielfilmproduktion dieser ungewöhnlichen Begegnung annahm.

Regisseur Oliver Paulus (ausgezeichnet für „Wenn der Richtige kommt“ und „Wir werden uns wiederseh‘n“) ist bekennender Bollywood- und Koch-Fan und macht dies in jedem Bild spürbar. Hier tanzen die Tomaten, die Fischfilets rollen sich im Takt ein, Kunden schwingen im Supermarkt das Bein und ein rosa Himmelbett schwebt entlang beschneiter Bergspitzen auf die Alm herab. In diesem Durcheinander verliebt sich Rajah, der schnauzbärtige Koch eines Bollywood-Drehteams (Vijay Raaz spielte schon in „Monsoon Wedding“ den Caterer), während eines Supermarkteinkaufes in Sonja (Lavinia Wilson), die Verlobte des Wirtshausbesitzers Markus (Martin Schick).

So prallt aufeinander, was nicht zusammengehört. Eine eifersüchtige Bollywood-Diva (Shweta Agarwal), die nebenher ihren eigenen Heidi-Kult zelebriert, trifft auf Schmalzgebäck, eine herrschsüchtige Schwiegermutter auf Currygerichte, ein knorriges Stammgasttrio auf wutschnaubende Filmproduzenten, eine Blumengirlande auf ein Hirschgeweih, ein gehbehinderter Mops (Achtung, Running Gag) auf zu scharfe Essensreste, und – dank eines glitschigen Huhns am Boden – auch ein Messer in den Rücken eines Produzenten.

Das Sammelsurium zerschellt in der zweiten Filmhälfte an den zu spärlich gezeichneten Figuren und immer mehr dramaturgische Lücken tun sich auch. So merkt der verliebte Koch erst 20 Minuten vor Schluss, dass Sonja und Markus, die bereits gemeinsam ein Haus einrichten, miteinander verlobt sind! Nachdem Rajah seiner Angebeteten versehentlich eine leere Weinflasche über den Kopf gezogen hat, erwacht Sonja sofort aus ihrer Bewusstlosigkeit und entfacht eine Liebesszene. Völlig unmotiviert sind auch ihre Tauchkurseinlagen mit der besten Freundin. Es bleiben Kollisionen ohne wirkliche Berührung. Jede Figur agiert fast autistisch in ihrer eigenen (Traum-)Welt.

Lavinia Wilson muss ihre Hauptrolle quasi im luftleeren Raum anlegen. Mal trotzig, mal vampig, mal sprachlos. Es dürften die Kochkünste sein, die ihr an dem verzweifelt unterwürfigen Koch (Vijay Raaz wirkt eher wie ein verhinderter Guru, denn wie ein feuriger Liebhaber) gefallen. Liebe geht hier durch den Magen. Überzeugend sind dagegen die üppig-sinnlichen Bildinszenierungen und die Kameraführung von Daniela Knapp („Emmas Glück“, „Die fetten Jahre sind vorbei“).

Oliver Paulus spielt zwar alle neun Gemütszustände aus dem klassischen indischen Drama – Liebe, Freude, Wut, Kummer, Abscheu, Kraft, Angst, Staunen, Gleichmut – durch und streut schwungvolle Gesangs- und Tanzeinlagen ein, aber mißachtet das Herz-Schmerz-Gebot des Bollywood-Kinos vollständig. Statt dramatischer Verzichtserklärungen, moralischer Läuterungen und Versöhnungen regiert hier brottrockene Orientierunglosigkeit.

„Tandoori“ heißt zum einen die scharfe Gewürzmischung, in die Gerichte eingelegt werden, zum anderen deren Zubereitung im Holzofen. In „Tandoori Love“ wollen weder die Konflikte noch die Romanze richtig garen. Zu vordergründig ist das Drehbuch. Eine Burleske lebt nicht vom Slapstick allein. Auch sie braucht eine plausible Ausgangssituation. In seiner Dokumentation „Bollywood im Alpenrausch“ machte Christian Frei vor zehn Jahren mehr skurrile Momente aus.

Dorothee Tackmann

Bollywood in den Alpen. Im Berner Oberland gerät alles durcheinander, als sich der Koch eines indischen Filmteams im Supermarkt in die Kellnerin des „Hirschen“ verliebt. In Bollywood-Manier fällt Rajah vor Sonja auf die Knie und beginnt zu singen. Sonja weiß bald nicht mehr, wo ihr der Kopf steht, als ihr Verlobter den indischen Verehrer auch noch als Chefkoch einstellt…

Die Inder haben die Schweizer Bergwelt schon als Kulisse für ihre Filme genutzt, da war der Bollywoodfilm in Europa noch gar nicht bekannt. Regisseur Oliver Paulus entdeckte dies erst auf einem Indien-Trip, und da er sich eh in dieser Art Filme zu machen verliebt hatte, lag die Idee nahe, einen Film über die Dreharbeiten eines indischen Films im Berner Oberland zu drehen.

Paulus inszeniert seine Komödie als ‚cultur clash‘ und bedient sich fleißig bei den Ingredienzen des Bollywood-Films. Dabei ist die Welt zunächst in Ordnung, denn auf dem Filmset geht alles nach Plan, und auch im Zentrum der Schweizer Bevölkerung, dem ‚Hirschen‘, ist alles so wie immer. Der von Traditionen geprägte Gasthof stellt geradezu ein Gotthelfsches Universum dar: Nüchtern, unbeweglich und verschroben steht er im krassen Gegensatz zum Filmset, das sich durch überbordende Gefühle, farbenfrohe Sinnlichkeit und charmanten Kitsch auszeichnet. Zentrum dieser Welt ist der Koch Rajah, der mit seinen Künsten die Truppe bei Stimmung hält. Doch dieses Gleichgewicht kommt mächtig ins Durcheinander, als er im Supermarkt nach Zutaten für seine Künste sucht und dabei auf die Kellnerin des ‚Hirschen‘, Sonja, trifft. Er verliebt sich auf den ersten Blick und verwirrt die Angebetete, in dem er vor ihr auf die Knie geht und zu singen beginnt. Dass ein solcher Liebesbeweis hierzulande mehr Irritationen als Erfolgsaussichten auslöst, wird dem indischen Koch schnell klar, und so heuert er im ‚Hirschen‘ an, um Sonja mit seinen Kochkünsten zu erobern. Sonjas Verlobter Markus ist hier der Chef und stellt den Inder gerne ein, wollte er dem mächtig eingestaubten Gasthof doch immer schon einen neuen Kick geben. So erobert Rajah Sonjas Zuneigung mit seiner ‚Nouvelle Cuisine Indienne‘ und bald schon steht ‚Tandoori Chicken‘ und ;Mango-Lassi‘ auf der Speisekarte, während sich die Filmcrew mit Dosenkonserven durchschlagen muss.

Fortan geht alles drüber und drunter im Berner Oberland. Der ‚Hirschen‘ lebt zu einer kurzfristigen Blüte auf und die indische Filmcrew will ihren Koch zurück. Die beiden Welten, die bisher immer so strikt voneinander getrennt waren, prallen aufeinander und man beginnt sich füreinander zu interessieren und tauscht Lebensart und –philosophie miteinander aus.

Oliver Paulus inszeniert dies als Clash der Kulture, ausgelassen, farbenfroh und mit viel Anleihen beim Bollywood-Kino. Da wird getanzt und gesungen, geliebt und geweint und natürlich gehen alle Emotionen – nicht nur die Liebe – durch den Magen. Paulus setzt sich über Sehgewohnheiten hinweg und überrascht den Zuschauer mit einem Wechselbad der Stile und Gefühle, der den Spagat zwischen schriller Komödie und dramatischer Liebesgeschichte wagt und sich dabei üppig-visueller bis grotesk-burlesker Mittel bedient.
Kalle Somnitz

or einigen Jahren entdeckte Bollywood die Schweizer Berge. Schon einige indische Filme wurden dort gedreht. Nun dachte ein schweizerischer Regisseur, dass man dieses Phänomen doch in eine einheimische Produktion integrieren, die beiden Stilarten, den Heimatfilm und das Bollywood-Opus, halb Komödie, halb Drama, verbinden könnte. Und das hat er getan.

Ein indisches Produktionsteam ist in der Nähe des Gasthofes „Hirschen“ gerade beim Drehen. Alles würde normal laufen, wenn Rajah, der für das Filmset zuständige Koch, sich nicht in Sonja, die Kellnerin des „Hirschen“ und Freundin des Gasthofbesitzers Markus, verlieben würde. Er haut einfach ab, um in der Nähe seiner Angebeteten zu sein. Erschwerend kommt hinzu, dass Markus, nichts ahnend, Rajah als Koch einstellt. Die Filmleute bekommen jetzt „Rösti“ zu essen, die örtlichen Bauern Tandoori Chicken.

Am schlimmsten aber ist Sonja dran. Sie weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Doch sie muss sich entscheiden zwischen einem gesicherten bürgerlichen Leben im „Hirschen“ und exotischen indischen Abenteuern.

Handfeste, ein wenig eckig-kantige Heimatfilmszenen à la Jeremias Gotthelf wechseln mit Bollywood-Musical-Auftritten ab. Die beiden so unterschiedlichen Welten werden auch kräftig auf den Arm genommen. Der Regisseur spielt offenbar absichtlich mit dem Unintellektuellen und mit dem Kitsch – unter Hinzunahme eines derben Stammtisches, der in dem Drama die Rolle des „bodenständigen versoffenen ‚griechischen Chores’“ zu übernehmen hatte.

Eine (wenn auch schweizerische) Bollywood-Produktion soll eigentlich alle traditionell überlieferten neun Bestandteile indischer Kunst, die so genannten „Rasas“, enthalten: das Romantische, das Komische, das Traurige, das Gewalttätige, das Heroische, das Furchteinflößende, das Abstoßende, das Wundersame und das Friedliche. Nun, so weit ging man nicht. Man beließ es bei einer tauglichen Liebeskomödie.

Gespielt wird angemessen. Nette Ideen fehlen keineswegs, etwa wenn die Schweizer Bauern den Kuhreigen tanzen. Insgesamt kann von guter Durchschnittsunterhaltung gesprochen werden.

Thomas Engel