Tanta Agua – Nichts als Regen

Den beiden sympathischen Regisseurinnen Ana Guevara und Leticia Jorge ist ein kleines Filmjuwel gelungen – mit wenigen Mitteln, aber großem Gespür für deren Wirkung erzählen sie eine verträumte, lakonische Familiengeschichte aus Uruguay, die von der Schwierigkeit zu kommunizieren handelt und den Verunsicherungen des Erwachsenwerdens, in denen Eltern und Kinder eine neue Sprache finden müssen, um einander wieder zu erreichen. So wird ein gemeinsamer Urlaub, der wortwörtlich ins Wasser fällt, zur Möglichkeit einer zaghaften Wiederannäherung.

Webseite: www.drei-freunde.de

Uruguay, Mexiko, Niederlande, Deutschland 2013
Berlinale 2013 Sektion Panorama
Regie: Ana Guevara, Leticia Jorge
Darsteller: Néstor Guzzini, Malú Chouza, Joaquín Castiglioni u.a.
102 Min.
Verleih: 3 Freunde Filmverleih
Kinostart: 28.11.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Alberto (Néstor Guzzini) ist fest entschlossen alles richtig zu machen, als er in aller Herrgottsfrühe seinen Wagen voll tanken und durchchecken lässt, um danach seine Kinder zum gemeinsamen Urlaub abzuholen. Die Atmosphäre ist gespannt, Lucía (Malú Chouza) und Federico (Joaquín Castiglioni) leben bei ihrer Mutter, die von Alberto geschieden ist und fühlen sich in der unvertrauten Situation sichtlich unwohl. In kleinen Gesten lassen sie ihn spüren, dass er nicht mehr Teil ihrer Gemeinschaft ist und formulieren damit eine Reihe stiller Vorwürfe, die Alberto zunächst barsch zurückweist.

Der etwas übergewichtige Vater ist selbst verunsichert, wie er mit seinen Kindern umgehen soll und versucht den perfekten Urlaub, den er sich so sehr wünscht, mit diktatorischer Strenge durchzusetzen – was nur leider bei seinen Kindern noch weniger ankommt.

Es ist als wolle der Himmel ihn auch noch verspotten: Schon auf der Fahrt setzt ein sanfter Regen ein, der sich, angekommen in der Ferienanlage, zu einem elenden Schütten gesteigert hat und die enttäuschten Gesichter aller Beteiligten zu spiegeln scheint.

Der viel zu kleine Bungalow sorgt für eine weitere Dämpfung der Stimmung.

Ein Zimmer zu wenig und noch dazu kein Fernseher!

Wie soll man sich da bloß voneinander ablenken können.

Nur ein kleiner Raumteiler trennt das Bett des Vaters vom Hochbett der Kinder, was für die 14jährige Lucía plötzlich eine befremdliche Qualität annimmt und auch Alberto weiß nicht so recht, wie er mit seiner heranwachsenden Tochter umgehen soll – die Grenzen ihrer Beziehung müssen neu verhandelt werden. So steht das junge Mädchen mit dem wunderbar resigniert-gequälten Gesichtsausdruck, der einen sofort in die schmerzlichen Untiefen der eigenen Pubertät zurückkatapultiert, zwischen dem noch kindlichen Spiel ihres kleinen Bruders und der tiefen Lebensenttäuschung des Vaters. Der Regen will nicht enden und so fliehen alle drei aus der Enge des familiären Rahmens in andere Beziehungen, die sie in der entrückt wirkenden Ferienanlage finden, um schließlich doch zu erkennen, was sie aneinander haben.

Leise und unaufgeregt wie ein Sommerregen inszenieren die beiden Regisseurinnen einen Übergangsraum, der surreal und doch alltäglich wirkt, so wie die Zeit des eigenen Erwachsenwerdens. Es ist vor allem auch dem ausdrucksvollen Spiel der drei Familienmitglieder zu verdanken, dass die Beziehungsdynamiken so authentisch und nachvollziehbar gelungen sind, dabei beweisen Guevara und Jorge ein untrügliches Gespür für Details: Das zugemüllte Auto des unglücklichen Vaters, die Art, wie er passiv-aggressiv die Seiten eines Magazins umblättert, weil er die Aufmerksamkeit seiner Kinder nicht bekommt, die leere Halterung des Fernsehers an der Wand, die anklagend auf eine Abwesenheit hinweist.

Es sind keine dramatischen Lösungen, die die Figuren für sich finden, so wie auch ihre Probleme irgendwie unspektakulär scheinen und gerade deswegen so vertraut. Es geht den Regisseurinnen offensichtlich auch nicht darum dem Zuschauer eine kathartische Erfahrung aufzudrängen, sondern die Relationen ihrer Charaktere zu untersuchen – die scheiternde Sprache, der Wunsch nach Nähe, die kleinen Verschiebungen, die sich nach und nach ereignen, wenn die Figuren aus dem Fluss ihres Selbstmitleid heraustreten und beginnen wieder etwas miteinander zu teilen.

Diese schwierige Neuvermessung einer kleinen Gemeinschaft ist ihnen bravourös gelungen.

„Tanta Agua“ nimmt den Zuschauer, untermalt von einem wunderschön-melancholischen Soundtrack, in den Fluss seiner Erzählung mit.

Silvia Bahl