Tapas Mixtas

Knappe, schnörkellose, höchst unterschiedliche, teils aussagekräftige, teils ins Ironische gehende Kurzgeschichten aus Spanien.

Webseite: kurzfilmkino.com

Spanien 2007
Regie: Daniel Sánchez Arévalo, R. Robles Rafatal, David Martín de los Santos, Juan Pablo Etcheverry, José Mari Goenaga, Oskar Santos
Kinostart: 03.07.2008
Filmlänge: 91 Min.
Verleih: W-Film

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

I.
Der Chef Enrique Ramirez schläft im Büro statt zu arbeiten mit einer Frau. Ergebnis: Herzinfarkt. Er ist bereits tot, als ein unzufriedener Partner auftaucht, um ihn zu erdrosseln. Er tut dies, ohne festzustellen, dass Ramirez schon tot ist. Dessen Sekretärin will ihn aus einem anderen bösen Grund töten und schüttet Gift in seinen Kaffee. Sie bemerkt ebenfalls nichts. Wenig später taucht die Ehefrau auf. Sie erschießt aus Eifersucht ihren – längst toten – Gatten. Ein früher entlassener Angestellter taucht mit einem Messer auf. Dieselbe Prozedur. Keiner der „Mörder“ bekommt mit, dass er einen Versuch am untauglichen Objekt gelandet hat. Erbin wird die Büro-Putzfrau.

Fazit: Grotesker „Massenmord“.

II.
Ein Ehepaar im Auto auf der Landstraße. Belanglose Unterhaltung. Sie fragt ihren Mann, ob er manchmal Anhalter mitgenommen habe. Auch Frauen? Er dreht den Spieß um. Auch Männer? Aus dem Geplänkel wird Ernst. Streit. Ein letzter sexueller Versöhnungsversuch. Dann plötzlich tobt der Ehemann. Sie muss den Wagen verlassen. Kurz darauf wird sie als Anhalterin von einem anderen Fahrzeug mitgenommen. Für immer?

Fazit: Unter der Alltags-Oberfläche eine längst erkaltete Ehe.

III.
Ein nicht einfach zu deutender Animationsfilm, unterlegt mit Musik aus dem „Feuervogel“ von Strawinsky. Urzeit. Der Minotaurus ist mit dem Malen eines Modells beschäftigt. Plötzlich beißt er sein Modell zu Tode. Der Mann, der Zeuge dieser Untat wird, scheint kein anderer zu sein als Picasso. Durch Felsenwirrwarr, an Monstern vorbei und durch eine Künstlerkolonie (mit Strawinsky) wandernd, malt er geheimnisvolle Wegweiser an die Wände, die in einem der wichtigsten Symbole seines Lebens enden: der Friedenstaube. Jetzt wird der Film auf einmal heller.

Fazit: Nicht der Minotaurus, sondern die Friedenstaube muss siegen.   

IV.
Irene am Strand. Sie will schwimmen gehen und bittet einen seriös wirkenden Herrn, auf ihre Sachen aufzupassen. Der stimmt höflich zu. Als sie zurückkommt, ist ihre Tasche mit Inhalt weg. Später ein Telefonanruf. Der Mann vom Strand meldet sich, sagt, er sei Arzt und zu einem Notfall gerufen worden. In einem Cafe Verabredung zur Rückgabe der Tasche. Der Mann erscheint nicht. Ein böser Verdacht steigt in Irene auf. Sie eilt nach Hause. Der Verdacht bestätigt sich. Schlimmes ist geschehen und geschieht weiter.

Fazit: „Die Mörder sind unter uns“.

V.
Ein Atlético-Madrid-Fan, der sich langweilt, der seiner vielen früheren Freizeitbeschäftigungen überdrüssig ist, der mehrere Beziehungen zu Frauen abgebrochen hat, sucht einen neuen Kick. Auch an der Onanie hat er die Lust verloren. Er will eine neue sexuelle Erfahrung und versucht es mit Praktiken mit dem Darm. Er entdeckt dabei nach eine gewissen Zeit eine Geschwulst. Die Diagnose des Arztes: Darmkrebs im frühen Stadium. Es besteht noch Hoffnung. In den Kurzfilm eingestreut sind knappe wissenschaftliche Passagen über den Darm und sein Eigenleben. Hätte der Mann sich nicht auf seine Weise verlustiert, wäre der Tumor nicht frühzeitig entdeckt worden. Eigenwillige Prophylaxe oder in erster Linie leicht perverse Satire? Doch wohl eher letzteres.

Fazit: Der Darm hat scheinbar mehr als eine Funktion.

VI.
Großbürgerliches Milieu Anfang des 20. Jahrhunderts. Der junge begabte Zeichner Diego, der in seinen Arbeiten vorwiegend phantasievolle Gebäude erfindet, litt zunächst an Schlaflosigkeit. Jetzt aber haben sich die Dinge ins Gegenteil verkehrt. Seit seine Frau verstorben ist, schläft er zuviel, manchmal drei, vier Tage lang. Der Arzt Dr. Rivas kann auch nach längerer Beobachtung keine Krankheit feststellen. Diegos Bruder aber fürchtet Gerüchte, gar einen Skandal. Er will, dass „der Träumer“ wegen Demenz in eine Irrenanstalt eingewiesen wird. Dr. Rivas fängt an, den Schlafenden zu beneiden, denn ihm selbst, der gerne von seiner toten Tochter träumen würde, ist dies verwehrt. Diego aber nimmt in einem Testament Abschied. Er wird sich nicht einweisen lassen, sondern eine weite Reise antreten.

Fazit: Es gibt noch eine andere Welt als die real erscheinende.

Thomas Engel