Taste Of Cement

Bilder, die sich ins Gedächtnis eingraben, so schön und so schrecklich sind sie … Mit beeindruckender Konsequenz verfolgt Ziad Kalthoum sein Konzept eines Filmessays über Zerstörung und Neubeginn. Wer bereit ist, sich auf diesen hoch anspruchsvollen Film einzulassen, dem steht eine emotionale und intellektuelle Erfahrung bevor, wie sie nur selten im Kino gelingt. Der Betrachter wird zum Beteiligten. In seinem Film über syrische Flüchtlinge in Beirut schafft Ziad Kalthoum ein ebenso tiefgründiges wie eindringliches Gleichnis von Krieg, Zerstörung und Neubeginn. Die Flüchtlinge sind Bauarbeiter in Hochhäusern, die sie am Tag in den Himmel wachsen lassen und nachts nicht verlassen dürfen. Sie schlafen in den Kellergeschossen. Sicherlich ist der Film alles andere als massenkompatibel, dafür aber ein Kunstwerk, das man nicht nur bestaunen sollte, sondern in das man sich hineinfallen lassen kann. Die Wirkung ist enorm.
 

Webseite: www.tasteofcement.com

Dokumentarfilm
Deutschland 2017
Regie: Ziad Kalthoum
Drehbuch: Ziad Kalthoum, Talal Khoury und Ansgar Frerich
Kamera: Talal Khoury
85 Minuten
Verleih: 3Rosen, deutschfilm
Kinostart: 24. Mai 2018

AUSZEICHNUNGEN/PREISE:

Best Feature International Competition – Vision du Réel, Nyon
Grand Prix Best Feature Documentary – Mediterranean Film Festival
Best Documentary Feature – Dubai International Film Festival
The Audience Award – Ramdam Film Festival
Puma Award Best Film und The Audience Award – Festival Internacional de Cine FICUNAM Mexico
Best Cinematography – Global Cinema Festival Boston

FILMKRITIK:

Irgendwann in diesem Film verschmelzen die Bilder und Töne der Zerstörung mit denen des Neubeginns. Das hat gleichzeitig etwas Beruhigendes und etwas sehr Beunruhigendes. Beruhigend ist, dass man die Menschen zu verstehen glaubt, die im Mittelpunkt stehen. Es sind Flüchtlinge aus Syrien, die in Beirut als Bauarbeiter arbeiten. Sie alle schlafen in den Tiefgeschossen von Hochhäusern, wo sie sich auf wenigen Quadratmetern eingerichtet haben. Der Blick aufs Meer ist traumhaft, doch dafür haben sie verständlicherweise weder Zeit noch Muße. Am Tag sind sie damit beschäftigt, am Leben zu bleiben, wenn sie, offenbar kaum gesichert, über Gerüste und durch den Rohbau klettern, und in der Nacht kommen die Erinnerungen: an die Familie, an die unbeschwerte Kindheit und an das grausame Heute mit der Zerstörung ihres Landes. Während ihre eigenen Häuser im Geschosshagel einstürzen, sind diese Männer dabei, die Spuren der Zerstörung zu beseitigen, die das syrische Nachbarland Libanon über mehrere Jahrzehnte und Kriege erleiden musste. Diese Parallelen sind sehr beunruhigend, sie machen den Film zu einem visuell reizvollen und inhaltlich ungemütlichen Kunstwerk, das gerade aus diesem Gegensatz einen Teil seiner Wirkung bezieht.

Ziad Kalthoum lässt die syrischen Bauarbeiter sprechen. Der Beginn ist noch verhältnismäßig harmlos – einer erzählt von der Fototapete, die sein Vater aus dem Libanon nach Syrien mitgebracht hat. Dazu sieht man den Alltag auf der Baustelle, majestätische Kräne ragen in den strahlenden Himmel, das Mittelmeer glänzt wie blauer Seidenstoff. Doch der erste Eindruck trügt, denn es geht bald zur Sache, auch wenn es keine klassische Dramaturgie in Form einer klar abgegrenzten Handlung gibt. Typisch für das Filmessay ist die Trennung von Bildern und Stimmen: Es gibt meist keine konkreten Bezüge zwischen dem, was man sieht, und dem, was zu hören ist. Manche der Bauarbeiter erinnern sich an ihre Väter, die ebenfalls im Libanon gearbeitet haben. Niemand jammert oder beschwert sich. Jeder ist für sich, es gibt kein Lachen, kaum Gespräche untereinander. So ganz nebenbei werden ein paar Fakten serviert: Die Flüchtlinge, die hier arbeiten, dürfen niemals die Baustelle verlassen. Sie haben Ausgangsverbot nach 19 Uhr. Der Libanon hat mehr als eine Million Syrer aufgenommen, viele von ihnen sind Bauarbeiter. Sie bauen ein Land wieder auf, während ihr eigenes zerstört wird.

Kalthoum verzichtet auf Schuldzuweisungen, er zeigt die Auswirkungen. Gelegentlich entsteht durch das assoziative Wirken von visuellen und auditiven Komponenten eine ganz unerwartete Form der poetischen Betrachtung. Der Blick ins Auge eines Menschen mit der Kamera zeigt eine Art kleine Leinwand, eine Projektionsfläche, auf der sich alles spiegelt, bevor, während und nachdem sich ein Bild im Gedächtnis einprägt. Einer erzählt davon, wie er unter Gestein begraben wurde. „Der Geschmack von Zement fraß meine Gedanken“, sagt er. Die Kommentare stehen für sich, manches hat Tagebuchcharakter, manches wirkt literarisch aufbereitet, oft handelt es sich um Reflexionen. Zusammen mit der Visualisierung von Tätigkeiten auf der Baustelle, die an expressionistische Filme erinnern, entsteht durch Bilder, Sprache und Geräusche ein beinahe kontemplativer Bewusstseinsstrom.

Doch dann gibt es Bilder von Menschen, die nach dem Einsturz eines Hauses mit bloßen Händen die Verschütteten versuchen auszugraben. Diese Einstellungen, vermutlich mit dem Handy gefilmt, sind so unmittelbar wie grausam, und es scheint, als ob der Film bis hierher nur die Vorbereitung auf das Eigentliche war: die wunderschönen Bilder von Hochhausgerippen gegen den knallblauen Himmel des Mittelmeers, die emsigen Arbeiter mit ihren Kletterkünsten, das Geräusch der elektrischen Hämmer und Bohrmaschinen … alles fügt sich in diesen Momenten der Wahrheit zu einem ungeheuerlichen menschlichen Konstrukt, das vor allem eines deutlich macht: die Hybris des Homo sapiens, die Welt zu gestalten. Und damit wird auch der Unsinn des Krieges deutlich, das Hereinbrechen der Gewalt in den friedlichen Alltag von Kindern und Familien. Aus der beinahe meditativen Betrachtung von Zerstörung und Aufbau erwächst ein Gefühl der Klaustrophobie. Es gibt kein Entkommen, aber vielleicht einen Funken Hoffnung.

Ziad Kalthoum setzt Gedanken und Emotionen in Bewegung und schafft Imaginationen, die alles andere als rauschhaft sind – die Phantasien behalten ihre Bodenhaftung. Doch so entsteht eine seltsame, gleichzeitig bedrückende und sehr fein optimistische Stimmung, in der sich die Gefühlswelt unmittelbar mit der des Geistes trifft. Kurz und gut: Dieser Film ist große Kunst!

Gaby Sikorski