Taxi Teheran

So verdient wie die Auszeichnung von Jafar Panahis „Taxi“ war seit langem kein Gewinner des Goldenen Bären. Und das hat nichts mit der politischen Situation im Iran oder der eingeschränkten (aber immer noch vorhandenen Freiheit) des Regisseurs zu tun, sondern ausschließlich mit künstlerischen Gründen. Anhand verschiedener Geschichten in und um Taxi-Fahrten durch Teheran erzählt er vom Zustand seines Landes. Ein herausragender Film!

Webseite: www.taxi.weltkino.de

Iran 2015
Regie, Buch: Jafar Panahi
Länge: 82 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 23. Juli 2015
 

FILMKRITIK:

Viel wurde in den letzten Jahren über die Situation von Filmemachern im Iran geschrieben, besonders über das Berufsverbot, mit dem Jafar Panahi belegt wurde, nachdem er einen Film über die fragwürdige Wiederwahl des damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad drehen wollte. Offiziell steht Panahi unter Hausarrest und darf seinen Beruf nicht ausüben, doch wie seine drei seitdem entstandenen Filme zeigen, legt es der iranische Staat nicht darauf an, diese Verbote durchzusetzen.
Panahi lebt in einem vornehmen Viertel Teherans, kann sich weitestgehend frei bewegen und hat es sogar geschafft, seinen neuen Film „Taxi“ auf den Straßen der Hauptstadt zu drehen. Völlig frei ist er dennoch nicht, die Bedrohung des Staates hängt wie ein Damoklesschwert über ihm, auch wenn sich seine Stimmung seit „Ist das ein Film“ und „Pardé“ augenscheinlich deutlich gebessert hat. Waren diese ersten beiden unter „Arbeitsverbot“ entstandenen Filme noch von Panahis düsterer Stimmung geprägt, von Schwermut, Selbstzweifeln und Melancholie, ist „Taxi“ von einer ironischen Leichtigkeit durchzogen, die fast vergessen lässt, welche Themen dann doch behandelt werden.

Panahi selbst gibt einen Taxifahrer, was zunächst wie ein dokumentarischer Blick auf einen Mann wirkt, der seinen eigentlichen Beruf nicht mehr ausüben darf und nun sein Geld auf andere Weise verdienen muss. Doch auch wenn der Anschein des Dokumentarischen gewahrt bleibt, manche der Passagiere, die Panahi im Laufe des Films befördert, tatsächlich Variationen ihrer selbst darbieten, ist „Taxi“ doch ein bis ins Detail durchdachter, hoch komplexer Film. In dem in kaum 80 Minuten vielfältige Themen angerissen werden und dabei ein präziser, kritischer, zwischen Widerstandswillen und Resignation schwankender Blick auf die iranische Gegenwart geworfen wird.

Immer wieder geht es etwa um Kriminalität, um die Not der Menschen, die vom Staat allein gelassen werden, die unter den Wirtschaftssanktionen, die dem Iran seit Jahren auferlegt werden, leiden. Wie kann man unter diesen äußeren Umständen ein ehrbares Leben führen, fragt Panahi, welche Folgen hat der Zwang, die Gesetze trickreich umgehen zu müssen. Ein Problem, vor dem natürlich auch er als Filmemacher steht, der nicht mehr offiziell arbeiten darf, weil er die staatlichen Regeln missachtet hat. Die schreiben zum Beispiel eine bestimmte Art des Realismus vor, der aber nicht die tatsächliche Realität abbilden soll, sondern die fiktive Realität, wie sie in den Augen des Staates existiert. Über diese Frage diskutiert Panahi ausführlich mit seiner Nichte, die in der Schule einen Filmkurs besucht, fortwährend mit ihrer Digitalkamera filmt und so eine zusätzliche Bildebene einführt.

Weite Teile von „Taxi“ sind mit einer statischen Kamera gefilmt, die Panahi auf dem Armaturenbrett seines Autos befestigt hat. Doch immer wieder brechen gröbere, verwackelte Bilder diesen Blick auf, per Handykamera oder Digitalkamera gefilmte Bilder, mit denen Panahi teils komplexe Bild-im-Bild-Kompositionen erzeugt, die Fragen nach der Wahrhaftigkeit von Bildern stellen. Diese Verwischung von Film und Realität, von Fiktion und Dokumentation zieht sich auch in vielen kleinen Handlungsmomenten durch einen Film, der auf komplexe Weise eine Metafiktion erzählt: Panahi spielt sich in gewisser Weise selbst, Fahrgäste, etwa ein Händler illegaler DVD, erkennen Dialoge aus früheren Filmen Panahis wieder, eine andere Episode verweist auf eine Frau, die sich verbotenerweise in ein Stadion eingeschlichen hat, was wiederum auf Panahis Film „Offside“ verweist. Doch was leicht zu einem etwas akademischen Diskurs hätte werden können, wird bei Panahi zu einem feinen Spiel mit Referenzen und der pointierten Darstellung der sozialen Realität des Irans. Und nicht zuletzt zeigt Panahi, dass es keiner großen Budgets, keines gigantischen Aufwandes bedarf, um sowohl politisch relevante als auch künstlerisch herausragende Werke zu drehen.
 
Michael Meyns